SIE sind musikalisch degeneriert

Das tut mir sehr leid, das schreiben zu müssen, aber irgendwie müssen Sie es ja mal erfahren. Sie werden es auch nicht gerne hören, es ist aber wahr. Ich möchte mich auch gar nicht über Sie stellen, schließlich bin ich selber sehr eingeschränkt im Musikvertsändnis, denn – das beruhigt Sie vielleicht – es liegt nicht an Ihnen, sondern an unserer Kultur.

Nun ist es schade um die viele Zeit, die Sie in Ihre musikalische Bildung investiert haben. Sie kennen natürlich alle Stars Ihres Lieblingsgenres, aber auch einige stille, unentdeckte Perlen. Sie schauen natürlich auch über den musikalischen Tellerrand, auf die benachbarten Genres sowieso; es gibt aber auch eine Musikrichtung, die finden Sie gut, obwohl sie so ganz anders ist. Dieses andere Genre haben sie auch mal angehört, aber ganz ehrlich, so richtig mögen Sie das nicht (muss ja auch nicht, man muss nicht alles mögen). Vielleicht machen Sie sogar selber Musik, singen oder spielen ein Instrument; oder nutzen Sie gar alternative Möglichkeiten, Musik zu machen, elektronische Klangerzeugung oder etwas ganz anderes?
Sie erkennen natürlich Dur und moll und Sie wissen, dass es fröhlich oder traurig klingt; auf 2 und 4 Klatschen können Sie auch (auch, wenn Sie denken, Sie würden damit die schweren Zeiten anders betonen, was natürlich Quatsch ist). Also?!

Dur und moll, ja, da ist genau das Problem. In der westlichen Kultur sind vor allem die Erfindung des Klaviers und die erfolgreichen Kompositionen für das Wohltemperierte Klavier von Bach für die Reduzierung der Tonkultur verantwortlich. Ja, genau der Johann Sebastian, der weltweit als einer der größten deutschen Musiker gefeiert wird und dessen Text des ersten Satzes des Weihnachtsoratorium sie in den Sozialen Medien sofort zitieren können, sobald jemand „Jauchzet“ schreibt. Das ist ein großes Hallo, sicher, aber die Halbtonschritte auf dem Klavier sind nur ein Kompromiss und haben unser harmonisches Verständnis massiv eingeschränkt. Unsere Hörgewohnheit sind seither nicht mehr die reinen Harmonien, sondern, nun, Kompromisse. Ihr Rhythmusempfinden ist allerdings schon länger degeneriert, schon in der Renaissance mochte man das Verhältnis von 2 zu 3 (schauen sie mal auf Kirchenfenster dieser Zeit) und in der Kirchenmusik ist die 2er-Gruppe die irdene, schwere Zeit, der 3er die himmlische, leichte Takteinteilung. Überhaupt Takte, was für eine Idee! Letztlich finden wir aber den 4-Viertel-Takt ganz gut oder halt den Walzertakt. Vielleicht grad weil der 4er so archaisch ist, ist er bei uns so erfolgreich, man blicke nur mal auf den Techno. Gut, sie kennen jetzt auch Dave Brubecks Take Five oder auch Lalo Schifrins Theme for mission impossible, aber das ist ja auch recht bekannt. Was halten Sie eigentlich von Dream Theaters Erotomania? Könnten Sie da die Taktaufteilung bestimmen?

Bevor hier alle über mich herfallen, stellen Sie sich doch mal diesen Fragen:

  • Kennen Sie Berlioz Symphonie Fantastique? Könnten Sie den Anfang pfeifen?
  • Le sacre du printemps: Unhörbar oder ein gewohnter Klassiker der Avantgarde?
  • Cages 4‘33“: Musikalischer Witz oder ernsthafte Musik?
  • Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal auf einem Konzert für Zeitgenössische Musik? Mit Absicht? Haben Sie Gelacht oder wurden ihr Geist erhellt?
  • Waren Sie mal bei einer Uraufführung dabei?
  • Haben Sie schon mal alte byzantinische Kirchenmusik gehört? Hören Sie da die Verwandtschaft zu arabischer Musik?
  • Können Sie eigentlich Vierteltöne singen?
  • Etwas weiter nach Asien: Peking-Oper? Yay or nay?
  • Apropos Asien: Kennen Sie einen alten chinesischen Meister und wissen Sie, für welche Instrumente komponiert wurde?

So könnte man ewig weitermachen, aber warum provoziere ich Sie eigentlich durchgehend?
Musik wird oft dazu benützt, um sich von anderen abzuheben, Musikwissen als Alleinstellungsmerkmal. Du bist, was du hörst. Hörst du das Falsche, bist du nichts.

Schlager hat da keinen großen Stellenwert, mit Rap erhöht man allenfalls die street credibility; Klassikhörer haben sicherlich eine finanzielle Sicherheit, werden aber durch ihre Abos auch musikalisch auf die sichere Seite gestellt. Jazz ist da avantgardistischer, verfehlt aber auch das Primat der Tanzbarkeit, ach, die Liste ist lang.
Können Sie sich Angela Merkel auf einem 3-Tage-Rave vorstellen? Die Lochis in der Philharmonie? Mario Barth gepflegt mit Rotwein auf der Couch und Jazz aus der Linn-Anlage? Warum eigentlich nicht? Wäre das nicht nett, diesen Leuten soviel mehr zuzugestehen, als das mediale Bild zulässt?
Musik sollte Neugier wecken, Freude erzeugen, Spaß machen, Begegnungen fördern. Das, was Madonna beim ESC sagte, das ist wichtig (sie wissen, was dann passierte)!

Für Neugier, Offenheit, Freude müssen wir aber erkennen, dass wir nicht die Krone des Musikwissens sind, es geht nicht nur um ich und mich; andere machen es anders und dieses Andersein muss man akzeptieren. Mehr über Musik zu wissen ist nie schädlich, wir können daran nur wachsen, immer nur selber besser werden: als Hörer, als Musiker, als Kennern, als Mensch. Wer an dieser Stelle den Zusammenhang zu größeren, wichtigeren Dingen als Musik entdeckt: ja, darauf wollte ich hinaus.

Bleiben Sie also neugierig. Bleiben Sie offen. Freuen Sie sich am Neuen. Es gibt viel zu entdecken!

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Kulinarische Katastrophen

Formschub fragt nach kulinarischen Katastrophen und ja, da habe ich direkt eine im Angebot. Vorweg sei gesagt, es ist niemand zu Schaden gekommen, selbst die Zutaten hatten ihre beste Zeit schon hinter sich.

Es war kurz nach der Hochzeit mit der Liebsten, die dazugehörige Reise sollte entspannt sein und ging auf den Darß, bzw. zum anliegenden Bodden, eher außerhalb in ein Ferienhaus eines Freundes, an einer Landstraße weit entfernt von Irgendwas.

Das Haus allerdings war gut, es gab einen Herd, von dem man die Bodenplatte entfernen konnte und durch einen Schamottstein ersetzen. Das ergab einen prima Pizzaofen, der nah an die professionellen Geräte in den italienische Restaurants heran kommt. Jedenfalls war die Pizza in zwei Minuten fertig, die Verunglückte ergab eine prima Calzone.

Es gab auch prima Kochbücher mit regionalen Rezepten, eines, ein Schweinefilet mit Gurken-Senfsauce, machen wir noch heute. Ein anderes ging über Hirschrouladen mit pilzgefüllten Wirsingtaschen. Da ging es dann los.

Den Hirsch bestellten wir, zurück in der Heimat, in einer naheliegenden Pferde- und Wildschlachterei. Ausgepackt zeigte sich, dass es eher ein Unfallhirsch war, die Scheiben waren recht grob geschält, an Rollen war nicht zu denken. Für die Wirsingtaschen bekamen wir nur noch ein paar Restpilze, die nach einigem Spülen und Aussortieren doch noch erstaunlich glitschig wirkten. In Verbindung mit etwa flüssigem Ricotta tat das Wasserbad ein Übriges, dazu die Hirsch… ballen.

Es ist wirklich gut, dass es Pizzabringdienste gibt und Wirsing mag ich bis heute nicht mehr sehen.

2018

So, wie war denn 2018?

1. Zugenommen oder abgenommen?
Ach, so wie immer.

2. Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Dann kommen die Geheimratsecken besser raus. Will aber wieder wachsen lassen.

3. Mehr bewegt oder weniger?
Immer noch mehr, immer noch mehr Wandern. Das Wander-Blog füllt sich langsam.

4. Der hirnrissigste Plan?
Klettersteige ohne Kletterset zu gehen. Laut Wanderführer brauchte man die aber auch nicht.

5. Die gefährlichste Unternehmung?
Na, ja, die Klettersteige.

6. Die teuerste Anschaffung?
Ein Wäschetrockner.

7. Das leckerste Essen?
Hm. Vieles lecker, wir kochen ja oft gut. Der E5 in Südtirol war ein kulinarischer Genuss.

8. Das beeindruckendste Buch?
Hm, kaum gelesen.

9. Der beste Sex?
Habt ihr schon mal Golf gespielt?

10. Der ergreifendste Film?
Da war diese Wanderdokumentation über Kreta? Filme gucke ich kaum noch im Lichtspieltheater, oft reicht es, wenn es irgendwann im Fernsehen kommt und dann erinnere ich mich nicht.

11. Die beste CD bzw. der beste Download?
Voces8, ein britisches Vokalensemble.

12. Das schönste Konzert?
Das Februar-Konzert mit den Bläsern; eine Geburtstagsparty mit der Kollegiums-Band.

13. Die meiste Zeit verbracht mit …?
Der Frau. Ein Glück.

14. Die schönste Zeit verbracht mit …?
…der Frau auf Wanderungen im Chor auf Wanderungen.

15. Vorherrschendes Gefühl 2018?
Erleichterung. So kann das weitergehen.

16. 2018 zum ersten Mal getan?
Eine Funktionsstelle angenommen und Dinge neu strukturiert. Geht gut, dauert aber.

17. 2018 nach langer Zeit wieder getan?
Ein Wah gekauft und damit einen Nachmittag lang rumgespielt. Funky sh*t.

18. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Der Klettersteig, der Abgrund am Klettersteig, der nächste Klettersteig.

19. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Du kannst das.

20. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Hm (Vorsatz: mehr schenken!)

21. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Hm (ich brauch ja nix.)

22. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Irgendwas romantisches von meiner Frau wahrscheinlich.

23. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Irgendwas romantisches zu meiner Frau wahrscheinlich.

24. 2018 war mit einem Wort …?
Ein Lichtblick. 2019 kann ich hoffentlich die Früchte ernten.

Auf den Straßen

Stellen Sie bitte mal eine durchschnittliche Straße in einer kleineren Stadt vor, vielleicht sogar in einem Dorf. Es gibt eine Ampel, das ist gut. Vor allem zu Berufsverkehrszeiten, denn die Pendler queren die Stadt, wir sind im Speckgürtel einer Landeshauptstadt.
Nun ist es aber Abend, in zwei Stunden werden die Ampeln ausgestellt. Ein Radfahrer, er scheint es öfter zu machen und ist gut ausgestattet, nun, dieser Radler fährt einfach bei Rot. Das ist nicht weiter schlimm, die Straßen sind leer und nur ein Auto nähert sich. Das Auto ist zu schnell, vielleicht 70km/h, das passiert im Ort in der Nacht öfter, die Ampel ist aus, die Blitzer… welche Blitzer?
Aber all das ist kein Problem, der Radler ist schnell, die Straßen sind frei, das Auto weicht aus.

Der Autofahrer hupt, lang und ausdauernd, er muss unbedingt vor dem Radfahrer einscheren, recht knapp, dabei wäre Platz genug.
Der Radfahrer zeigt den Mittelfinger, er pöbelt mit unflätigen Wörtern, bremst, spuckt, dabei könnte er einfach das Hupen ignorieren. Das Auto bremst.

Passiert ist nichts weiter, nur eine Drohgebärde, die der Fahrer durch ein sofortiges Weiterfahren entschärfte.
Und irgendwie fühlt man sich sofort an die aktuelle Politik erinnert.

***

Im übrigen finde ich, dass der Innenminister zurücktreten sollte (inspiriert von Herrn Buddenbohm).

Wie Inklusion wirklich ist

Nicht, was sie jetzt denken.

Es ist erst ein paar Tage her, da äußerte ich mich an dieser Stelle bereits zur Inklusion. Um mal einen berühmten Werbeslogan zu variieren: „Die Geschichte der Inklusion ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“
Dazu habe ich mal eine kleine Liste vorbereitet:

  • Inklusion bedeutet nicht Integration von Schülerinnen und Schülern mit Handicaps.
  • Inklusion gilt überhaupt nicht nur für behinderte Menschen.
  • Inklusion heißt auch nicht nur zusammen wohnen.
  • Inklusion ist auch nicht überraschend neu, hip, modern, trendy oder linksversifft.
  • Man kann Inklusion nicht einfach mal wieder abschaffen.
  • Es ist keine Inklusion, Gruppen von Gesetzen, wie z. B. Mindestlohn, auszunehmen.

Watt denn nu?

  • Inklusion heißt, dass auch Sie ein Teil der Gesellschaft sind und man ihnen ermöglichen muss, daran teilzuhaben.
  • Ich? Ja, es gilt für Mindeslohnjobber, Alte, Kranke, Junge, Nette, Doofe, Einwanderer, Flüchtlinge und sogar für Manager und Politiker. Auch die dürfen Teil der Menschheit sein. Verrückt, oder?
  • Und das gilt für alle Bereiche des Lebens, auch für Arbeit, Fußball, Freizeit oder Stadtteilfeste.
  • Die Idee ist nicht neu, Jesus sagte ähnliches in der Bergpredigt (bzw. es ist überhaupt seine Grundaussage), auch der Islam, das Judentum, der Humanismus, ach, eigentlich alle finden Solidargemeinschaft ganz gut. Deshalb steht es sogar so in unserem Grundgesetz, man lese da mal die Paragraphen 1-10.
  • Und es gilt weltweit. Also, zumindest bei den Ländern, die die UN-Carta abgezeichnet haben.
  • Diesen Gedanken darf man verbreiten, es tut ganz gut, sich als Teil von etwas zu fühlen. Oder sind Sie gerne ausgegrenzt?

Also, machen auch Sie mit. Sein Sie inklusiv, sein Sie Teil von uns allen.

„Inklusion nicht effizient“

So betitelt die Hannoversche Allgemeine am 7.6.2018 ein Ergebnis einer Prüfung des niedersächsischen Landesrechnungshof – und in gewisser Weise (s.u.) muss man ihnen sogar recht geben.

Leider bezieht der Rechnungshof es aber darauf, dass die Schulen für Lernhilfe und Emotionale Entwicklung weiterbetrieben werden und damit die Kosten für Förderschullehrer erhalten bleiben bzw. die Stunden im inklusiven Unterricht fehlen. Das sind halt Kosten für das Land.

Effizienz, aus Lehrersicht, sähe anders aus. So könnte man als FörderschullehrerIn an nur einer Regelschule eingesetzt werden und dort nur in zwei bis drei Klassen tätig sein, damit stärker zu den Klassenteams gehören und auch mal in der Pause im Lehrerzimmer sitzen, statt hektisch herumzureisen und das als Vorbereitungszeit laufen zu lassen. Es würde enorm viele Telefonate und E-Mails für Absprachen sparen und vielleicht könnte man auch ein Teamteaching damit dauerhaft in der Pädagogik etablieren und die Stärken der einzelnen Lehrkräfte nutzen.
Man könnte aber auch drastisch Kosten senken, indem man feste pädagogische MitarbeiterInnen in den Klassen einsetzt und damit die vielen z. T. schlecht ausgebildete Einzelfallhelfer sparen, denen man nicht einmal Dienstanweisungen geben darf, weil sie bei einem anderen Kostenträger angestellt sind. Aber das sind Kosten der Region, nicht des Landes.
Man hätte auch, beizeiten, die FörderschullehrerInnen, die in Ruhestand gehen, ersetzen können, weil Inklusion nämlich in erster Linie kein Sparmodell ist, sondern ein Gewinn für die Gesellschaft. Vielleicht ist aber genau das der springende Punkt. Dem Rechnungshof, das liegt wohl in der Natur der Sache, geht es nicht um Gesellschaft, ihm geht es um Zahlen.
Nun kann man den Artikel so deuten, dass man nur die Schwachpunkte aufzeigen und Verbesserungen anregen will. Bei der Nachrichtenlage der letzten Zeit und der propagandistischen Hetzrede einer „alternativen“ Partei befürchte ich aber, das diese Überschrift von vielen anders gedeutet wird.

Es ist einige Zeit her, dass man aufgewogen hat, wie ökonomisch Teile der Gesellschaft sind. Es war wohl in den frühen 90ern, als Peter Singer die Frage stellte, wie Behinderte dem Bruttosozialprodukt dienen. Das Ergebnis kann nur ernüchternd sein und die Beziehung zu den Nationalsozialisten der 30er Jahre ist schnell hergestellt. Letztlich führt es aber zu der Frage, wie ökonomisch Bildung ist oder gar eine ganze Gesellschaft. Wozu braucht man uns eigentlich?

Inklusion heißt alle. Immer. Ja, auch die Flüchtlinge, die Mindestlohnverdiener, die Junkies, die Knasties und halt auch Behinderte, alle. Immer. Weil sie Teil der Gesellschaft sind, genau wie du, genau wie sie. Wer das in Frage stellt, stellt sich selbst in Frage.
Inklusion verursacht erst mal Kosten und das ist in der derzeitig anhaltenden Optimierungslandschaft gar nicht gern gesehen. Besänne man sich auf den sozialen Anspruch unserer Demokratie, hätte man es erst gar nicht so weit kommen lassen dürfen, unsere Gesellschaft in so viele Schichten zu teilen, so viele Menschen von der Teilhabe zu separieren. Diese Rückbesinnung muss man aber wollen und eine Überschrift wie die obige ist damit ein Affront gegen diejenigen, die sich um eine gelingende Inklusion bemühen.
Für die Inklusionsgegener ist es jedenfalls ein willkommenes Argument, die Abschaffung der Inklusion zu fordern. Das ist eine schreckliche Vorstellung, denn, und damit sollen Artikel enden, Inklusion ist ein Gewinn. Für alle. Immer.

Einflüsse

Nenne fünf Musikgruppen, die dich musikalisch geprägt haben.

Diese Aufgabe wurde in diesem Tweet gestellt und ich antwortete folgendermaßen:

EAV, Depeche Mode, Kraftwerk, Thievery Corporation, Hilliard Ensemble.

Und ich kann das erläutern.

EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung): Musik ist zur Unterhaltung gedacht, da kann man auch mal Quatsch machen. Aber, egal wie man zur Musik steht, man musiziert mit aller Ernsthaftigkeit und größtmöglicher Professionalität. So habe ich EAV erlebt. Viel Unsinn, aber das sehr, sehr gut präsentiert.

Depeche Mode: Ganz anders als die ARD am Samstagabend. Elektronisch, düster. Ich bin erst bei Personal Jesus eingestiegen, war wohl ganz klug. Depeche Mode waren
das Leben jenseits von Formel Eins und Hitparade, weit vor MTV.

Kraftwerk: Kraftwerk waren mit „Model“ in der Hitparade, ich glaube, dass in der gleichen Sendung auch Foyer des Arts waren, mit „Erlangen“. Meine deutschen Depeche Mode und so viel größer. Die Loslösung der Musik von der Person bewundere ich bis heute.

Thievery Corporation: Keine Angst vor Klischees! Wenn sie gut produziert sind und geschmackvoll arrangiert! Dann etwas stilvollen Vortrag dazu, dann muss man die Musik gar nicht neu erfinden. Das kann man auch in andere Auftrittsformate übertragen.

Hilliard Ensemble: Reine Perfektion. Liebe zum Detail. Aufhören können. (Vielleicht schaffe ich zumindest das.)

Zum Glück wurde nach Gruppen gefragt, bei Solokünstlern würde mit die Auswahl wirklich schwerfallen.

CocoonDance: Momentum

Es zuckt noch!

Doch, doch, auch wenn man auf dem Land wohnt erlebt man manchmal Kultur. Dazu muss man zwar in die Stadt fahren, aber es gab einen Anlass und der wurde genutzt.
Es ging in die Eisfabrik, eine Kulturstätte in einer ehemaligen, nun, Eisfabrik. Die Räume wurden schon vor vielen Jahren umgestaltet und dabei nett rau gelassen. Es sieht so aus, wie sich heute die ganzen Burgerbratereien geben.
Gegeben wurde Tanz. Zur Musik eines DJs zuckten drei Körper, bewegten sich, schlängelten, tanzten.
Ich bewundere diese Kulturform, weil ich sie nicht verstehe. Wie probt man so etwa, wie merkt man sich die Choreographie, was ist Improvisation, was festgelegt?

Momentum von CocconDance ließ diese Fragen vergessen. Am Rand der Bühne aufgestellt, fühlte ich mich schnell einbezogen in die Performance. Die drei männlichen Tänzer lagen uns zu Füßen, das Gesicht zum Boden, in ein Tuch gehüllt, man konnte die Gesichter nicht erkennen. Ein sehr dumpfer, pulsierender Beat ließ die Show starten, die Tänzer zuckten, es war nicht ganz klar, ob sexuell konnotiert oder doch eher hospitalistisch geprägt. Später torkelten sie durch den Raum, kämpferisch, trunken, freundschaftlich verbunden. Sie kamen nah, sie verschwanden wieder und immer blieb eine ganz suberversive Form von Angst im Raum, bei den Zuschauern, bei den Tänzern, das war nie ganz klar. War es Volkstanz oder Entführung, man weiß es nicht. Endlich nahmen sie Masken ab, aber verstärkte noch die Unsicherheit, diese Blicke, der direkte Augenkontakt, junge Männer, mit Bärten, Vollbart. Hipster oder Islamist, es konnte alles sein. Sie pumpen, atmen, torkeln, wanken, springen, der Beat dazu dichter, drängender, fordernder, alle wippen mit, die Knie, die Köpfe bis es in einem Schrei endet.

Nach einiger Stille Applaus. Die Tänzer lächelten.

Die Wahlen, die GroKo, Schule und Digitalisierung (again)

Doch, doch, manchmal kann man sich nur wiederholen, grad nach einem Tag wie heute.

Was war passiert? In den letzten Tagen wurde der Vertrag vorgestellt, den die GroKo im Bundestag ausgehandelt hat, außerdem gibt es seit einiger Zeit eine GroKo in Niedersachsen. Konsens aller Gespräche ist, dass die Digitalisierung voran getrieben werden muss, Deutschland, das Land der Dichter und Denker, muss endlich Anschluss ans Internetz kriegen und das vor allem in der Bildung, d. h. in Politikerdeutsch: in den Schulen.

Jetzt ist im verlinkten Artikel schon alles gesagt worden, geändert hat sich seitdem nichts. Da aber auch die Didacta, Deutschlands große Schulmesse, statt findet, kann man sich mal mit dem Allheisbringer der Digitalisierung an Schulen beschäftigen und das ist das Smartboard a.k.a. InteractiveBoard oder whatever.

Das Gerät an sich ist recht simpel. Ein übergroßer Monitor zeigt den Schülern das, was sich auf dem angeschlossenen PC befindet. Mit einer speziellen Software kann man dann mit einem Stift oder gar den Fingern den Mauszeiger ersetzen und gaukelt so eine Interaktivität vor. Klingt ganz prima und schindet vor allem auf Elternabenden und bei Tagen der Offenen Tür immer noch Eindruck.

Exkurs: So weit dazu, wie digital erfahren „wir“ alle sind. Meine Meinung ist, dass wir über „AOL ist das Internet“ noch nicht heraus sind. WhatsApp, Facebook, aus die Maus.

Die Idee ist, dass Schüler mit dem Board zum einen eine Art Mitbestimmung lernen, indem sie z. B. mit einem iPad und der entsprechenden App via WiFi Kontakt zum Board erhalten und dort für sie freigegebene Inhalte steuern können. So.
Zum anderen können sie natürlich einfach auch ein Geodreieck aufrufen oder einen Zirkel, Inhalte aufdecken, Memory spielen und allerlei andere Spielereien machen. Das klingt in der Theorie auch reizvoll, man könnte jetzt auch vor allem technisch (oder aus Sicht des finanziellen Haushalts einer staatlichen Schule) dagegen argumentieren, das Problem liegt aber ganz woanders.
Denn was lernt man mit diesem Gerät? Den Umgang mit PCs, die Feinheiten von Word oder Excel oder gar die Logik einer Programmiersprache? Eigenverantwortung, selbständiges Denken, Teamfähigkeit, Präsentationsvermögen oder gar Problemlösungsstrategien und Kreativität? Also all das, was für’s Leben wichtig ist? Nein!

Es ist Frontalunterricht 2.0, die alte Kreidetafel im Spielzeuggewand (ein Spielzeug mit einem Gegenwert ab 4000,- Euro!).

Was Schüler aber brauchen ist etwa ganz anderes. Ich möchte jetzt gar nicht die ganzen sozialen Bedürfnisse erwähnen, die Schule abdecken soll, aber jedem sollte klar sein, dass Frontalunterricht nur noch als Ausnahme funktioniert und nicht als Standard. Erinnern Sie sich an ihre Schulzeit und wie bei Ihnen der Wissenserwerb überprüft wurde. Meinen Sie nicht, dass könnte auch anders gehen? Vielleicht mit Aufmerksamkeit und in kleinen Gruppen, ab von der Zentrierung und etwas individueller?
Letztlich ist das etwas, was nicht neu ist. Die Ideen dazu sind 70 Jahre alt, die Erkenntnisse auch. Die Studien dazu sagen seit über 10 Jahren, dass Länder, die so unterrichten erfolgreicher sind, ganz ohne große Technik. Und Digitalisierung heißt nicht nur 1a-Technik. Die hilft uns nur, über WhatsApp längere Videos zu verschicken. Aber Logik vermitteln, Menschenverstand schulen und Denken lernen, das wäre doch mal wieder etwas für das Land der Dichter und Denker.