Das Problem der Welt an der Drogeriemarktkasse

Die Protagonistinnen und Protagonisten:

  • Der Pakistani: Ich nenne ihn so, weil er mich an den Vater eines Freundes pakistanischer Herkunft erinnert. Ein älterer Mann mit einem beneidenswert prächtigen Bart, akkuratem Haarschnitt, Tuchhosen und gestärktem Hemd. Er kassiert im Drogeriemarkt, hätte aber offensichtlich lieber einen Job, auf den er stolz sein kann. Sein Deutsch ist verständlich, aber knapp und unmelodisch.
  • Die russischen Freundinnen: Ob sie wirklich reich sind, weiß man nicht. Ob sie wirklich russisch sind, weiß man nicht. Ihre Sprache, ihr Gehabe, ihre Gesichtsform und ihr Hang zu güldenem Geschmeide legen es aber nahe.

Was passiert:

  • Es gibt eine kleine Schlange an der Drogeriemarktkasse, es ist irgendein Nachmittag. Das Wetter ist nicht mehr sommerlich, aber auch noch nicht herbstlich
  • Ich kaufe etwas, was ist egal, wichtig ist nur, dass ich in der Schlange stehe und darauf warte, dass die zwei Freundinnen vor mir abkassiert werden. Es liegen viele Kosmetika auf dem Band, ich trage irgendetwas Schweres und möchte es ablegen.
  • Die Damen sind mit sich und ihren Mobiltelefonen beschäftigt, es sind wertige Telefone, gold und weiß und von Apple. Sie reden laut und viel, miteinander, aber auch in ihre Telefone.Sie haben Zeit, sie haben Freunde, mit denen sie reden müssen und (zumindest tun sie so) sie haben Geld.
  • Der Pakistani sitzt an der Kasse. Er möchte nicht bedienen, er möchte richtig arbeiten. So wirkt er. Er wirkt auch, als würde er die Damen hassen. Sie zeigen Ignoranz und keinerlei Respekt, sie passen nicht auf, sie hören nicht zu, sie stellen Reichtum, Jugend und Schönheit ungeniert zur Schau. Er fragt nach den Treuepunkten oder irgendetwas, was jeder Mensch an einer Kasse fragen muss. Aber er spricht schlecht Deutsch und die Freundinnen hören nicht zu.
  • Er fragt erneut nach, vernuschelt, frustriert und genervt. Die Freundinnen nehmen ihn wahr. Das lassen sie sich nicht bieten. Sie sind jung und schön und reich. Sie pflaumen den Mann an, was er überhaupt wolle, sie telefonieren, ey, und überhaupt, was willst du Typ, willst du mich anmachen. Man versteht sie kaum, sie haben einen starken Dialekt. Deutlich wird nur die Aggression. Man spürt den Willen zur Überlegenheit. Man spürt all die Unsicherheit, den Willen, mehr zu sein.
  • Auch der Mann wird ungehalten, es folgen gemurmelte Schimpfworte in Landessprache auf allen Seiten, aber es wird bezahlt und es wird lautstark das Ladengeschäft verlassen.
  • Ich lege erleichtert das Schwere ab und denke an das Schicksal der Welt. Dass ich das Grundproblem wahrscheinlich gerade erlebt habe. Und ein weiteres dazu: Dass ich selbst nicht weniger überheblich bin.
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