Sylter Systemgastronomie

Es war wohl in der Zeit, als auch die kleineren Städte beschlossen, dass eine Markthalle die Innenstadt erheblich aufwerten würde, was dann mit viel finanzieller Unterstützung umgesetzt wurde, nie zum Erfolg führte und die alteingesessene Gastronomie so nachhaltig schädigte, dass schnell Platz für Schnellrestaurants wurde. In dieser Zeit traf ich das erste Mal auf Sylter Systemgastronomie. Sylt, dass war diese Insel, auf die die Mutter eines Freundes immer fuhr, mit dem Cabrio und dem lustigen schmalen Aufkleber neben dem Nummernschild. Ganz so, wie es Florian Illies später in Generation Golf beschrieb. Nun konnte diese Mutter endlich auch außerhalb von Sylt in diesen Laden, in den immer alle gingen und dort eine Krabbensuppe essen und dazu Champagner trinken. Sie war eine der wenigen. Allerdings wirkte der Laden recht exklusiv in der Stadt, dass er in jeder weiteren größeren Stadt mal ein bis zwei Filialen haben sollte, wer konnte das schon ahnen.

Nun ergab der Urlaub eine Reise durch Schleswig-Holstein und dort war neben dem bekanntesten Vertreter des Sylter Systems auch die ein oder andere Lokalität zu finden, die sich ebenfalls damit rühmte, von der mondänen Insel zu stammen.
Sylt, das ist schicke Autos, Champagner, wilde Parties, FKK und was weiß ich noch, ich war dort ja nie, mir reichte es, dass die Ärzte in den 80ern von Westerland sagen und später auch Reinhard Mey dazu etwas beitrug. Dieter Bohlen warb für die Sansibar, all das verleidete mit die Reiselust dorthin schon sehr. Sylt wirkt auf mich wie ein vergangener Glanz aus den 60ern und zwar nicht in der coolen James-Bond-Ästhetik.
Das geht vielen wohl nicht so, denn die Lokalitäten entlang des Wegs waren voll, voll mit Menschen aller Jahre, deren Frauen vor allem viel Gold an allen möglichen Stellen trugen und Tigerprint dazu, während die Männer gerne weiße Shorts um ihre schlacksigen Beine schlottern ließen. Man war berreit für das Sylter Erlebnis Preise zu zahlen, die der vermeintlichen Mondänität angepasst schienen.

Um es kurz zu machen: In einem Lokal habe ich gegessen und noch nie habe ich ein Essen so schnell wieder zurückgehen lassen. Vor einem anderen Lokal warf ich kurz einen Blick auf die Karte und dann auf den Veneziano, den alle so falsch als Aperol Sprizz bezeichnen. Etwas verblasst wirkte er für die hohe Summe.
Die von Italienern betriebene Bar nebenan konnte diesen Farbton besser und alles andere auch. Außerdem hatte man dort seine Ruhe. Win-Win, würde ich sagen. Und Sylt, nix für ungut, aber ich werde dich wohl nie besuchen.

Werbeanzeigen