weiterspringen

Oder: Man wählt in Niedersachsen.

Es stehen Wahlen an in Niedersachsen, Landtagswahlen um genau zu sein und allerorten hängen und stehen Wahlplakate. Man merkt immer schon am Material der Plakate, wer einigermaßen an die Umwelt denkt und wer nicht; Plastik ist weiterhin ein beliebter Grundstoff für kurzlebige Wahlversprechen. Aber auch die Slogans sind bemerkenswert und dieses Jahr besonders aussagekräftig.

Die CDU wirbt mit dem schönen Hashtag weiterspringen. Ja, das klingt wie skippen, weiterschalten, überspringen, aber so wollten sie es vielleicht auch. Digitalisieren wollen sie alles und jeden, haben sie in den letzten fünf Jahren wohl verpennt, als sie den Minister dazu gestellt haben. Außerdem, auch das werbewirksam, 100% Unterrichtsversorgung. Hm, da fällt mir ein, dass dieselbe Partei mal kurzerhand alle Langzeiterkrankten und Schwangeren aus der Statistik entfernt hatte und damit die damalige 96% (?) Versorgung zu 100% erklärt hatte. Derzeit haben wir also 96% von 96%, na gut. Die CDU hat mit ihrer tollen Gesundheitsreform auch geschafft, dass Langzeiterkrankte gar nicht mehr so schnell am Stück lange krank geschrieben werden und deshalb keine Feuerwehr-Lehrkräfte eingestellt werden können. In einer Statistik gibt es also wenig Menschen, die 30 Wochen fehlen, aber viele die 30 mal eine Woche fehlen. Wenn sie dann nicht noch dafür verantwortlich wäre, dass die Lehrerausbildung insgesamt im Land zurückgefahren wurde… mal sehen, wie sie das schaffen werden.

Die SPD ist weiterhin die SPD. Keine Zeit für Sprüche. Wenn sie jetzt noch mal was machen würde, von dem, was sie seit 10 Jahren verspricht wär’s ja gut. Aber halt auch 10 Jahre, in denen nicht viel passiert ist.

Die FDP will mehr tun als nötig. Frage ist: für wen? Schaut man sich die Bundes-FDP so an, denke ich nicht, dass sie jetzt die Klimapolitik ändern oder alternative Transportmöglichkeiten fördern, außer vielleicht Hubschrauber-Taxis, geschweige denn irgendwie Geld außerhalb der Wirtschaft investieren (oder nur so investieren, dass es letztlich doch bei den Buddies landet).

Auch die AfD ist stabil: längst abgehandelte Urängste ansprechen (Impfpflicht, Lockdown, Windräder), sich selbst als Alternative anbieten, aber keinerlei konkrete Idee haben, was sie machen wollen, außer zu meckern. Immerhin zeigen sie kaum noch Gesicht, dabei ist Schnauzbart doch beinah wieder salonfähig. Na, vielleicht nicht in der schmalen Form.

Gleiches für die Linken, nur halt links. Reiche sind zu reich, Arme zu arm, Mieten sch*** teuer. Aber Ideen zur Änderung gibt’s keine. Immerhin kann man jammern, dass einen ja niemand mehr wählt, dabei wäre man ja eigentlich wichtig.

Die Grünen haben schlecht geschnittene Fotos, aber wollen immerhin Familien mehr unterstützen, den Wald retten und überhaupt was machen. Na, ja, immerhin mal halbwegs konkrete Sachen.

Alle anderen werden wohl nicht genügend Stimmen bekommen, das ist gut bei Parteien wie Die Basis, die noch mehr Unsinn produzieren als ihre Alternative, das ist schade für Parteien wie Volt oder die Tierschutzpartei, die gute Ideale haben.

Aber, wie heißt es so schön: Wer die Wahl hat…

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Richtig leben

Nein, nein, sie wohnen schon richtig. Endlich raus aus dem Dorf oder der Kleinstadt, raus aus den beengten Strukturen, raus aus dem Mief.

Sie wohnen in DEM Stadtteil, da wo es so… richtig ist. Es ist so multikulti und hej, da könne sie sich auch als Frau rauswagen, auch nachts, denn die sind gar nicht so, die anderen, die da wohnen, die Türken und die Albaner und die Syrer. Die sind… voll nett, wenn sie Ihnen hinterher pfeifen. Es ist ja auch lustig, wenn Sie den Dönermann als Türken bezeichnen, obwohl sie genau wissen, dass er eigentlich aus Afghanistan kommt.

Am Besten ist eigentlich, dass hier alle voll individuell sind. Man kriegt ja auch alles im Kiez, den Chai-Latte, die Röckchen über der Leggings (voll handbestellt übrigens, Direktimport von so chinesischen Manufakturen), die vegane Pizza (echt italienisch!). Und sie kennen sich aus, sie waren schließlich nicht umsonst in der Welt unterwegs. Sie wissen, wann etwas echt asiatisch ist (sie waren sechs Wochen mit Studiosos in China!) und wann italienisch (Toscana!). Thailändisch, koreanisch, eagl, sie waren in Asien!

Es gibt Imbisse und Kneipen, so original und ach, irgendwie voll indie. Wir haben auch kein Autoproblem, weil alle voll auf Lastenräder sind. Abends ist dann auch super Stimmung, dann kaufen sich alle was im Imbiss (die Dönerjungs, die Chinesen, ne), aber auch viel vegan, ne, und alle so’n Fußpils (LUSTIG!) und ne, klar, wir sind alle voll öko, ne?! Wieso Dreck, da kommt ja morgen die Stadtreinigung, ne!? Die Pfandflaschen stehen doch neben dem Mülleimer?!

Da gibt es Läden, alles so krass, da kriegt man ständig neue nachhaltige ToGo-Kaffeebecher und auch receyclebare Klamotten, alles voll gut. Future, ey! Alle schwingen sich auch ihr Swipa-Rad und dann aber so voll öko Richtung Co-Working-Space. Scheiß Verbrenner, scheiß Bonzen!

Alles ist easy, außer die scheiß Bonzen kommen vorbei, a. k. a. jemand ohne Röckchen über der Leggings oder bei Boys jemand mit Poloshirt. Dann ist aber hier, aber hallo. Oder jemand parkt einen eine Mercedes, der ist dann halt schnell ohne Stern. Apo, ne! Von früher noch.

Oder jemand kriegt Kinder. Da muss man dann halt auf’s Land ziehen und sich beschweren, dass die Eisdiele zwar selbstgemachtes Eis hat, aber keinen Chai-Latte. Blödes Landvolk!

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In da club

Nehmen wir mal an, Sie betreiben seit Jahrzehnten erfolgreich einen Club. Angefangen hat es in der Love&Peace-Euphorie der frühen House-Szene, die Leute strömten rein, ihre Stamm-DJs hatten gut zu tun und Sie selber mussten nicht mehr machen als aufzuschließen und da zu sein.
Aber ihr Publikum alterte, man bekam Kinder, die Wirtschaftslage tat ihr übriges und die Besuchszahlen schwanden. Als dann ihr Haupt-DJ ging, verfielen sie auf die Idee, Musik von den Besuchern machen zu lassen, denn der andere DJ hatte nicht mehr so regelmäßig Zeit. Kam nich so gut an. Außerdem ließen Sie einige Renovierungsschritte sein. Im Winter, wenn die Heizkosten anstanden, verlegten sie alles in den Partyraum, der etwas kleiner und nicht so prachtvoll war, aber für die Besuchermenge reichte. Später dann, als es noch weniger Besucher wurden, taten sie sich mit dem Club aus der Nebenstraße zusammen, der unter den gleichen Problemen litt. Nun fanden ihre Partys abwechselnd mal hier, mal dort statt. Dort allerdings war der Beginn etwas später. Manche Besucher schreckte das ab, als sie dann wiederholt frierend vor der verschlossenen Tür standen. Darauf hatten Sie keinen Bock mehr, auch Sie sind schließlich älter geworden, da kümmert man sich um sein Sofa lieber als den Grüß-Onkel zu geben.
Richtig begeistert war dann auch niemand, als der letzte DJ ging und Sie die neue Zeit nutzten und eine Spotify-Liste anstellten. Als Sie zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss umdrehten konnten Sie gar nicht verstehen, wie das alles gekommen war.

Das klingt sehr unrealistisch, oder?! Da weiß doch jeder, das man jeden Besucher werben würde; die Räume müssten Chic sein, der Chef präsent, der DJ auf der Höhe der Zeit; da ist doch jedem klar, dass der Spirit um jeden Fall erhalten sein muss; da muss die Bude geöffnet sein, wenn die nostalgische Partycrowd vor der Tür steht.

All das ging mir durch den Kopf, als ich in der Landgemeinde vor verschlossener Kirchentür stand. Ich wollte ganz spontan, nach Monaten, mal wieder vor Ort in die Kirche. Das Kirchenblatt hatte ich dummerweise ignoriert, in dem genau steht, wann an welcher Stätte im Landkreis denn welche Form von Gottesdienst statt findet.
Das ging mir auch durch den Kopf, als ich mit Kirchenmusikskollegen über den Umgang mit ihnen und die Bezahlung von ihnen sprach; das ging mir durch den Kopf, als zur Rettung der Kirche mal wieder die Popmusik auserkoren wurde (über den inhaltlichen Unsinn des Sakro-Pop-Schlagers „Wo Menschen sich vergessen“ rante ich demnächst mal).
Vielleicht unterscheidet sich Kirche ganz generell von Clubs und vielleicht muss nicht jede Kleinstgemeinde ihren Gottesdienst erhalten. Vielleicht aber wollen Gottesdienstbesucher etwas, was so leicht vergessen wird: einen feierlichen Ort, angemessene, verkündigende Musik und den Bezug zum Wort, klug und inhaltsvoll vorgetragen von Fachpersonal. Vielleicht scheitert es aber genau daran, am Fachpersonalmangel. Vielleicht bedingt das eine aber auch das andere. Könnte man mal drüber nachdenken.

Fünf Stunden Arbeit am Tag sind genug – wenn man es sich leisten kann

In der von mir besuchten Medienwelt kursieren Meldungen über einen Bielefelder Agentur-Chef, der seinen Angestellten bei vollem Lohn ermöglicht, nur fünf statt acht Stunden zu arbeiten. An anderer Stelle redet man davon, dass gar vier Stunden Arbeit pro Tag genug sind.

Exkurs: Gleichzeitig mehren sich die Meldungen, dass die Stadt Bielefeld 25 Jahre Bielefeld-Verschwörung feiert.

Das klingt ja auch wirklich verlockend, nach fünf Stunden lässt man den Hammer fallen und geht in einen ruhigen Nachmittag, hat Zeit für Familie, Freunde und Hobbies. Vor allem in den körperlich anstrengenden Berufen wäre das ein Traum. All die Handwerker, die früh mit körperlichen Leiden zu tun haben sitzen nicht mehr beim Orthopäden, ebensowenig die Pflegekräfte. Kaufhaus-Angestellte würden noch etwas Sonne sehen und auch für die Arbeitslosenquote wäre das natürlich gut; allerdings müssten mehr Menschen in Schichten arbeiten. Trotzdem: Tolle Idee!

Nun gab es neulich ein Radio-Interview mit dem begeisterten Agentur-Chef, der natürlich auch ein Buch darüber geschrieben hat. Hier war die erste Einschränkung zu diesem Modell, dass es genau für die oben beschriebenen Arbeiten eben nicht gedacht ist. Fünf Stunden Arbeit reichen natürlich nur für „Wissens-Arbeiten“. Schade für all die Paketfahrer und Mindestlohnverdiener.

Grundlage ist, dass man zu den Wissensarbeiten Studien gibt, die zeigen, dass ein Großteil der Arbeitszeit mit Pausen, Gesprächen mit Kollegen und Ablenkungen wie Konferenzen besteht. Richtig konzentriert und effektiv arbeitet man ca. zweieinhalb Stunden bei einem Acht-Stunden-Tag. Also beschloss jener Chef, dass Pausen und Gespräche wegfallen, man Konferenzen und Besprechungen so kürzt, dass man beim Thema bleibt und fünf Stunden ohne Pause man Stück arbeitet. Nur Raucherpausen sind erlaubt, weil dann die Mitarbeiter im Prozess feststecken würden und Zeit zum Denken bräuchten. Alle anderen würden ja um 13 Uhr Schluss machen und am Nachmittag über die entstandenen Probleme nachdenken. Na? Merken sie was?

Zweieinhalb Stunden sonst, jetzt fünf? Am nächsten Tag mit Lösungen kommen?

Reichten sonst noch Kickertische und Club Mate in den Shared Spaces um die Reklame-Praktikanten in Start-Ups auszubeuten (diese Wörter, mon dieu!), ist es nun ein weiterer Schritt, den Feierabend in den häuslichen Bereich zu verlagern unter dem Deckmantel einer vermeintlich modernen Menschlichkeit. Wie bei so vielen modernen Managementtheorien geht es wieder nur um Optimierung, Profitsteigerung und Ausbeutung. Andere Studien zeigen nämlich, dass es durchaus sinnvoll ist, alle Stunde seine Arbeit kurz zu unterbrechen, mit anderen zu reden, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und das benötigt – wie könnte es anders sein – Zeit.

Es gibt übrigens es schon eine Berufsgruppe, die fünf Sunden am Stück eine Gruppe von 30 Leuten unter geistiger Hochleistung und ohne Pause anleitet, fortbildet und betreut, um alle weitere Arbeit im Homeoffice zu erledigen. Aber dieser Gruppe spricht man aber eine gewisse Faulheit und Neigung zum Klagen ohne zu Leiden zu; man spricht von „vormittags recht und nachmittags frei“.
Das würde man über eine Agentur unter so modernen Führung natürlich nie sagen.

Sylter Systemgastronomie

Es war wohl in der Zeit, als auch die kleineren Städte beschlossen, dass eine Markthalle die Innenstadt erheblich aufwerten würde, was dann mit viel finanzieller Unterstützung umgesetzt wurde, nie zum Erfolg führte und die alteingesessene Gastronomie so nachhaltig schädigte, dass schnell Platz für Schnellrestaurants wurde. In dieser Zeit traf ich das erste Mal auf Sylter Systemgastronomie. Sylt, dass war diese Insel, auf die die Mutter eines Freundes immer fuhr, mit dem Cabrio und dem lustigen schmalen Aufkleber neben dem Nummernschild. Ganz so, wie es Florian Illies später in Generation Golf beschrieb. Nun konnte diese Mutter endlich auch außerhalb von Sylt in diesen Laden, in den immer alle gingen und dort eine Krabbensuppe essen und dazu Champagner trinken. Sie war eine der wenigen. Allerdings wirkte der Laden recht exklusiv in der Stadt, dass er in jeder weiteren größeren Stadt mal ein bis zwei Filialen haben sollte, wer konnte das schon ahnen.

Nun ergab der Urlaub eine Reise durch Schleswig-Holstein und dort war neben dem bekanntesten Vertreter des Sylter Systems auch die ein oder andere Lokalität zu finden, die sich ebenfalls damit rühmte, von der mondänen Insel zu stammen.
Sylt, das ist schicke Autos, Champagner, wilde Parties, FKK und was weiß ich noch, ich war dort ja nie, mir reichte es, dass die Ärzte in den 80ern von Westerland sagen und später auch Reinhard Mey dazu etwas beitrug. Dieter Bohlen warb für die Sansibar, all das verleidete mit die Reiselust dorthin schon sehr. Sylt wirkt auf mich wie ein vergangener Glanz aus den 60ern und zwar nicht in der coolen James-Bond-Ästhetik.
Das geht vielen wohl nicht so, denn die Lokalitäten entlang des Wegs waren voll, voll mit Menschen aller Jahre, deren Frauen vor allem viel Gold an allen möglichen Stellen trugen und Tigerprint dazu, während die Männer gerne weiße Shorts um ihre schlacksigen Beine schlottern ließen. Man war berreit für das Sylter Erlebnis Preise zu zahlen, die der vermeintlichen Mondänität angepasst schienen.

Um es kurz zu machen: In einem Lokal habe ich gegessen und noch nie habe ich ein Essen so schnell wieder zurückgehen lassen. Vor einem anderen Lokal warf ich kurz einen Blick auf die Karte und dann auf den Veneziano, den alle so falsch als Aperol Sprizz bezeichnen. Etwas verblasst wirkte er für die hohe Summe.
Die von Italienern betriebene Bar nebenan konnte diesen Farbton besser und alles andere auch. Außerdem hatte man dort seine Ruhe. Win-Win, würde ich sagen. Und Sylt, nix für ungut, aber ich werde dich wohl nie besuchen.