In da club

Nehmen wir mal an, Sie betreiben seit Jahrzehnten erfolgreich einen Club. Angefangen hat es in der Love&Peace-Euphorie der frühen House-Szene, die Leute strömten rein, ihre Stamm-DJs hatten gut zu tun und Sie selber mussten nicht mehr machen als aufzuschließen und da zu sein.
Aber ihr Publikum alterte, man bekam Kinder, die Wirtschaftslage tat ihr übriges und die Besuchszahlen schwanden. Als dann ihr Haupt-DJ ging, verfielen sie auf die Idee, Musik von den Besuchern machen zu lassen, denn der andere DJ hatte nicht mehr so regelmäßig Zeit. Kam nich so gut an. Außerdem ließen Sie einige Renovierungsschritte sein. Im Winter, wenn die Heizkosten anstanden, verlegten sie alles in den Partyraum, der etwas kleiner und nicht so prachtvoll war, aber für die Besuchermenge reichte. Später dann, als es noch weniger Besucher wurden, taten sie sich mit dem Club aus der Nebenstraße zusammen, der unter den gleichen Problemen litt. Nun fanden ihre Partys abwechselnd mal hier, mal dort statt. Dort allerdings war der Beginn etwas später. Manche Besucher schreckte das ab, als sie dann wiederholt frierend vor der verschlossenen Tür standen. Darauf hatten Sie keinen Bock mehr, auch Sie sind schließlich älter geworden, da kümmert man sich um sein Sofa lieber als den Grüß-Onkel zu geben.
Richtig begeistert war dann auch niemand, als der letzte DJ ging und Sie die neue Zeit nutzten und eine Spotify-Liste anstellten. Als Sie zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss umdrehten konnten Sie gar nicht verstehen, wie das alles gekommen war.

Das klingt sehr unrealistisch, oder?! Da weiß doch jeder, das man jeden Besucher werben würde; die Räume müssten Chic sein, der Chef präsent, der DJ auf der Höhe der Zeit; da ist doch jedem klar, dass der Spirit um jeden Fall erhalten sein muss; da muss die Bude geöffnet sein, wenn die nostalgische Partycrowd vor der Tür steht.

All das ging mir durch den Kopf, als ich in der Landgemeinde vor verschlossener Kirchentür stand. Ich wollte ganz spontan, nach Monaten, mal wieder vor Ort in die Kirche. Das Kirchenblatt hatte ich dummerweise ignoriert, in dem genau steht, wann an welcher Stätte im Landkreis denn welche Form von Gottesdienst statt findet.
Das ging mir auch durch den Kopf, als ich mit Kirchenmusikskollegen über den Umgang mit ihnen und die Bezahlung von ihnen sprach; das ging mir durch den Kopf, als zur Rettung der Kirche mal wieder die Popmusik auserkoren wurde (über den inhaltlichen Unsinn des Sakro-Pop-Schlagers „Wo Menschen sich vergessen“ rante ich demnächst mal).
Vielleicht unterscheidet sich Kirche ganz generell von Clubs und vielleicht muss nicht jede Kleinstgemeinde ihren Gottesdienst erhalten. Vielleicht aber wollen Gottesdienstbesucher etwas, was so leicht vergessen wird: einen feierlichen Ort, angemessene, verkündigende Musik und den Bezug zum Wort, klug und inhaltsvoll vorgetragen von Fachpersonal. Vielleicht scheitert es aber genau daran, am Fachpersonalmangel. Vielleicht bedingt das eine aber auch das andere. Könnte man mal drüber nachdenken.

Fünf Stunden Arbeit am Tag sind genug – wenn man es sich leisten kann

In der von mir besuchten Medienwelt kursieren Meldungen über einen Bielefelder Agentur-Chef, der seinen Angestellten bei vollem Lohn ermöglicht, nur fünf statt acht Stunden zu arbeiten. An anderer Stelle redet man davon, dass gar vier Stunden Arbeit pro Tag genug sind.

Exkurs: Gleichzeitig mehren sich die Meldungen, dass die Stadt Bielefeld 25 Jahre Bielefeld-Verschwörung feiert.

Das klingt ja auch wirklich verlockend, nach fünf Stunden lässt man den Hammer fallen und geht in einen ruhigen Nachmittag, hat Zeit für Familie, Freunde und Hobbies. Vor allem in den körperlich anstrengenden Berufen wäre das ein Traum. All die Handwerker, die früh mit körperlichen Leiden zu tun haben sitzen nicht mehr beim Orthopäden, ebensowenig die Pflegekräfte. Kaufhaus-Angestellte würden noch etwas Sonne sehen und auch für die Arbeitslosenquote wäre das natürlich gut; allerdings müssten mehr Menschen in Schichten arbeiten. Trotzdem: Tolle Idee!

Nun gab es neulich ein Radio-Interview mit dem begeisterten Agentur-Chef, der natürlich auch ein Buch darüber geschrieben hat. Hier war die erste Einschränkung zu diesem Modell, dass es genau für die oben beschriebenen Arbeiten eben nicht gedacht ist. Fünf Stunden Arbeit reichen natürlich nur für „Wissens-Arbeiten“. Schade für all die Paketfahrer und Mindestlohnverdiener.

Grundlage ist, dass man zu den Wissensarbeiten Studien gibt, die zeigen, dass ein Großteil der Arbeitszeit mit Pausen, Gesprächen mit Kollegen und Ablenkungen wie Konferenzen besteht. Richtig konzentriert und effektiv arbeitet man ca. zweieinhalb Stunden bei einem Acht-Stunden-Tag. Also beschloss jener Chef, dass Pausen und Gespräche wegfallen, man Konferenzen und Besprechungen so kürzt, dass man beim Thema bleibt und fünf Stunden ohne Pause man Stück arbeitet. Nur Raucherpausen sind erlaubt, weil dann die Mitarbeiter im Prozess feststecken würden und Zeit zum Denken bräuchten. Alle anderen würden ja um 13 Uhr Schluss machen und am Nachmittag über die entstandenen Probleme nachdenken. Na? Merken sie was?

Zweieinhalb Stunden sonst, jetzt fünf? Am nächsten Tag mit Lösungen kommen?

Reichten sonst noch Kickertische und Club Mate in den Shared Spaces um die Reklame-Praktikanten in Start-Ups auszubeuten (diese Wörter, mon dieu!), ist es nun ein weiterer Schritt, den Feierabend in den häuslichen Bereich zu verlagern unter dem Deckmantel einer vermeintlich modernen Menschlichkeit. Wie bei so vielen modernen Managementtheorien geht es wieder nur um Optimierung, Profitsteigerung und Ausbeutung. Andere Studien zeigen nämlich, dass es durchaus sinnvoll ist, alle Stunde seine Arbeit kurz zu unterbrechen, mit anderen zu reden, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und das benötigt – wie könnte es anders sein – Zeit.

Es gibt übrigens es schon eine Berufsgruppe, die fünf Sunden am Stück eine Gruppe von 30 Leuten unter geistiger Hochleistung und ohne Pause anleitet, fortbildet und betreut, um alle weitere Arbeit im Homeoffice zu erledigen. Aber dieser Gruppe spricht man aber eine gewisse Faulheit und Neigung zum Klagen ohne zu Leiden zu; man spricht von „vormittags recht und nachmittags frei“.
Das würde man über eine Agentur unter so modernen Führung natürlich nie sagen.

Sylter Systemgastronomie

Es war wohl in der Zeit, als auch die kleineren Städte beschlossen, dass eine Markthalle die Innenstadt erheblich aufwerten würde, was dann mit viel finanzieller Unterstützung umgesetzt wurde, nie zum Erfolg führte und die alteingesessene Gastronomie so nachhaltig schädigte, dass schnell Platz für Schnellrestaurants wurde. In dieser Zeit traf ich das erste Mal auf Sylter Systemgastronomie. Sylt, dass war diese Insel, auf die die Mutter eines Freundes immer fuhr, mit dem Cabrio und dem lustigen schmalen Aufkleber neben dem Nummernschild. Ganz so, wie es Florian Illies später in Generation Golf beschrieb. Nun konnte diese Mutter endlich auch außerhalb von Sylt in diesen Laden, in den immer alle gingen und dort eine Krabbensuppe essen und dazu Champagner trinken. Sie war eine der wenigen. Allerdings wirkte der Laden recht exklusiv in der Stadt, dass er in jeder weiteren größeren Stadt mal ein bis zwei Filialen haben sollte, wer konnte das schon ahnen.

Nun ergab der Urlaub eine Reise durch Schleswig-Holstein und dort war neben dem bekanntesten Vertreter des Sylter Systems auch die ein oder andere Lokalität zu finden, die sich ebenfalls damit rühmte, von der mondänen Insel zu stammen.
Sylt, das ist schicke Autos, Champagner, wilde Parties, FKK und was weiß ich noch, ich war dort ja nie, mir reichte es, dass die Ärzte in den 80ern von Westerland sagen und später auch Reinhard Mey dazu etwas beitrug. Dieter Bohlen warb für die Sansibar, all das verleidete mit die Reiselust dorthin schon sehr. Sylt wirkt auf mich wie ein vergangener Glanz aus den 60ern und zwar nicht in der coolen James-Bond-Ästhetik.
Das geht vielen wohl nicht so, denn die Lokalitäten entlang des Wegs waren voll, voll mit Menschen aller Jahre, deren Frauen vor allem viel Gold an allen möglichen Stellen trugen und Tigerprint dazu, während die Männer gerne weiße Shorts um ihre schlacksigen Beine schlottern ließen. Man war berreit für das Sylter Erlebnis Preise zu zahlen, die der vermeintlichen Mondänität angepasst schienen.

Um es kurz zu machen: In einem Lokal habe ich gegessen und noch nie habe ich ein Essen so schnell wieder zurückgehen lassen. Vor einem anderen Lokal warf ich kurz einen Blick auf die Karte und dann auf den Veneziano, den alle so falsch als Aperol Sprizz bezeichnen. Etwas verblasst wirkte er für die hohe Summe.
Die von Italienern betriebene Bar nebenan konnte diesen Farbton besser und alles andere auch. Außerdem hatte man dort seine Ruhe. Win-Win, würde ich sagen. Und Sylt, nix für ungut, aber ich werde dich wohl nie besuchen.

2018

So, wie war denn 2018?

1. Zugenommen oder abgenommen?
Ach, so wie immer.

2. Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Dann kommen die Geheimratsecken besser raus. Will aber wieder wachsen lassen.

3. Mehr bewegt oder weniger?
Immer noch mehr, immer noch mehr Wandern. Das Wander-Blog füllt sich langsam.

4. Der hirnrissigste Plan?
Klettersteige ohne Kletterset zu gehen. Laut Wanderführer brauchte man die aber auch nicht.

5. Die gefährlichste Unternehmung?
Na, ja, die Klettersteige.

6. Die teuerste Anschaffung?
Ein Wäschetrockner.

7. Das leckerste Essen?
Hm. Vieles lecker, wir kochen ja oft gut. Der E5 in Südtirol war ein kulinarischer Genuss.

8. Das beeindruckendste Buch?
Hm, kaum gelesen.

9. Der beste Sex?
Habt ihr schon mal Golf gespielt?

10. Der ergreifendste Film?
Da war diese Wanderdokumentation über Kreta? Filme gucke ich kaum noch im Lichtspieltheater, oft reicht es, wenn es irgendwann im Fernsehen kommt und dann erinnere ich mich nicht.

11. Die beste CD bzw. der beste Download?
Voces8, ein britisches Vokalensemble.

12. Das schönste Konzert?
Das Februar-Konzert mit den Bläsern; eine Geburtstagsparty mit der Kollegiums-Band.

13. Die meiste Zeit verbracht mit …?
Der Frau. Ein Glück.

14. Die schönste Zeit verbracht mit …?
…der Frau auf Wanderungen im Chor auf Wanderungen.

15. Vorherrschendes Gefühl 2018?
Erleichterung. So kann das weitergehen.

16. 2018 zum ersten Mal getan?
Eine Funktionsstelle angenommen und Dinge neu strukturiert. Geht gut, dauert aber.

17. 2018 nach langer Zeit wieder getan?
Ein Wah gekauft und damit einen Nachmittag lang rumgespielt. Funky sh*t.

18. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Der Klettersteig, der Abgrund am Klettersteig, der nächste Klettersteig.

19. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Du kannst das.

20. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Hm (Vorsatz: mehr schenken!)

21. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Hm (ich brauch ja nix.)

22. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Irgendwas romantisches von meiner Frau wahrscheinlich.

23. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Irgendwas romantisches zu meiner Frau wahrscheinlich.

24. 2018 war mit einem Wort …?
Ein Lichtblick. 2019 kann ich hoffentlich die Früchte ernten.

Auf den Straßen

Stellen Sie bitte mal eine durchschnittliche Straße in einer kleineren Stadt vor, vielleicht sogar in einem Dorf. Es gibt eine Ampel, das ist gut. Vor allem zu Berufsverkehrszeiten, denn die Pendler queren die Stadt, wir sind im Speckgürtel einer Landeshauptstadt.
Nun ist es aber Abend, in zwei Stunden werden die Ampeln ausgestellt. Ein Radfahrer, er scheint es öfter zu machen und ist gut ausgestattet, nun, dieser Radler fährt einfach bei Rot. Das ist nicht weiter schlimm, die Straßen sind leer und nur ein Auto nähert sich. Das Auto ist zu schnell, vielleicht 70km/h, das passiert im Ort in der Nacht öfter, die Ampel ist aus, die Blitzer… welche Blitzer?
Aber all das ist kein Problem, der Radler ist schnell, die Straßen sind frei, das Auto weicht aus.

Der Autofahrer hupt, lang und ausdauernd, er muss unbedingt vor dem Radfahrer einscheren, recht knapp, dabei wäre Platz genug.
Der Radfahrer zeigt den Mittelfinger, er pöbelt mit unflätigen Wörtern, bremst, spuckt, dabei könnte er einfach das Hupen ignorieren. Das Auto bremst.

Passiert ist nichts weiter, nur eine Drohgebärde, die der Fahrer durch ein sofortiges Weiterfahren entschärfte.
Und irgendwie fühlt man sich sofort an die aktuelle Politik erinnert.

***

Im übrigen finde ich, dass der Innenminister zurücktreten sollte (inspiriert von Herrn Buddenbohm).

Wie Inklusion wirklich ist

Nicht, was sie jetzt denken.

Es ist erst ein paar Tage her, da äußerte ich mich an dieser Stelle bereits zur Inklusion. Um mal einen berühmten Werbeslogan zu variieren: „Die Geschichte der Inklusion ist eine Geschichte voller Missverständnisse.“
Dazu habe ich mal eine kleine Liste vorbereitet:

  • Inklusion bedeutet nicht Integration von Schülerinnen und Schülern mit Handicaps.
  • Inklusion gilt überhaupt nicht nur für behinderte Menschen.
  • Inklusion heißt auch nicht nur zusammen wohnen.
  • Inklusion ist auch nicht überraschend neu, hip, modern, trendy oder linksversifft.
  • Man kann Inklusion nicht einfach mal wieder abschaffen.
  • Es ist keine Inklusion, Gruppen von Gesetzen, wie z. B. Mindestlohn, auszunehmen.

Watt denn nu?

  • Inklusion heißt, dass auch Sie ein Teil der Gesellschaft sind und man ihnen ermöglichen muss, daran teilzuhaben.
  • Ich? Ja, es gilt für Mindeslohnjobber, Alte, Kranke, Junge, Nette, Doofe, Einwanderer, Flüchtlinge und sogar für Manager und Politiker. Auch die dürfen Teil der Menschheit sein. Verrückt, oder?
  • Und das gilt für alle Bereiche des Lebens, auch für Arbeit, Fußball, Freizeit oder Stadtteilfeste.
  • Die Idee ist nicht neu, Jesus sagte ähnliches in der Bergpredigt (bzw. es ist überhaupt seine Grundaussage), auch der Islam, das Judentum, der Humanismus, ach, eigentlich alle finden Solidargemeinschaft ganz gut. Deshalb steht es sogar so in unserem Grundgesetz, man lese da mal die Paragraphen 1-10.
  • Und es gilt weltweit. Also, zumindest bei den Ländern, die die UN-Carta abgezeichnet haben.
  • Diesen Gedanken darf man verbreiten, es tut ganz gut, sich als Teil von etwas zu fühlen. Oder sind Sie gerne ausgegrenzt?

Also, machen auch Sie mit. Sein Sie inklusiv, sein Sie Teil von uns allen.

„Inklusion nicht effizient“

So betitelt die Hannoversche Allgemeine am 7.6.2018 ein Ergebnis einer Prüfung des niedersächsischen Landesrechnungshof – und in gewisser Weise (s.u.) muss man ihnen sogar recht geben.

Leider bezieht der Rechnungshof es aber darauf, dass die Schulen für Lernhilfe und Emotionale Entwicklung weiterbetrieben werden und damit die Kosten für Förderschullehrer erhalten bleiben bzw. die Stunden im inklusiven Unterricht fehlen. Das sind halt Kosten für das Land.

Effizienz, aus Lehrersicht, sähe anders aus. So könnte man als FörderschullehrerIn an nur einer Regelschule eingesetzt werden und dort nur in zwei bis drei Klassen tätig sein, damit stärker zu den Klassenteams gehören und auch mal in der Pause im Lehrerzimmer sitzen, statt hektisch herumzureisen und das als Vorbereitungszeit laufen zu lassen. Es würde enorm viele Telefonate und E-Mails für Absprachen sparen und vielleicht könnte man auch ein Teamteaching damit dauerhaft in der Pädagogik etablieren und die Stärken der einzelnen Lehrkräfte nutzen.
Man könnte aber auch drastisch Kosten senken, indem man feste pädagogische MitarbeiterInnen in den Klassen einsetzt und damit die vielen z. T. schlecht ausgebildete Einzelfallhelfer sparen, denen man nicht einmal Dienstanweisungen geben darf, weil sie bei einem anderen Kostenträger angestellt sind. Aber das sind Kosten der Region, nicht des Landes.
Man hätte auch, beizeiten, die FörderschullehrerInnen, die in Ruhestand gehen, ersetzen können, weil Inklusion nämlich in erster Linie kein Sparmodell ist, sondern ein Gewinn für die Gesellschaft. Vielleicht ist aber genau das der springende Punkt. Dem Rechnungshof, das liegt wohl in der Natur der Sache, geht es nicht um Gesellschaft, ihm geht es um Zahlen.
Nun kann man den Artikel so deuten, dass man nur die Schwachpunkte aufzeigen und Verbesserungen anregen will. Bei der Nachrichtenlage der letzten Zeit und der propagandistischen Hetzrede einer „alternativen“ Partei befürchte ich aber, das diese Überschrift von vielen anders gedeutet wird.

Es ist einige Zeit her, dass man aufgewogen hat, wie ökonomisch Teile der Gesellschaft sind. Es war wohl in den frühen 90ern, als Peter Singer die Frage stellte, wie Behinderte dem Bruttosozialprodukt dienen. Das Ergebnis kann nur ernüchternd sein und die Beziehung zu den Nationalsozialisten der 30er Jahre ist schnell hergestellt. Letztlich führt es aber zu der Frage, wie ökonomisch Bildung ist oder gar eine ganze Gesellschaft. Wozu braucht man uns eigentlich?

Inklusion heißt alle. Immer. Ja, auch die Flüchtlinge, die Mindestlohnverdiener, die Junkies, die Knasties und halt auch Behinderte, alle. Immer. Weil sie Teil der Gesellschaft sind, genau wie du, genau wie sie. Wer das in Frage stellt, stellt sich selbst in Frage.
Inklusion verursacht erst mal Kosten und das ist in der derzeitig anhaltenden Optimierungslandschaft gar nicht gern gesehen. Besänne man sich auf den sozialen Anspruch unserer Demokratie, hätte man es erst gar nicht so weit kommen lassen dürfen, unsere Gesellschaft in so viele Schichten zu teilen, so viele Menschen von der Teilhabe zu separieren. Diese Rückbesinnung muss man aber wollen und eine Überschrift wie die obige ist damit ein Affront gegen diejenigen, die sich um eine gelingende Inklusion bemühen.
Für die Inklusionsgegener ist es jedenfalls ein willkommenes Argument, die Abschaffung der Inklusion zu fordern. Das ist eine schreckliche Vorstellung, denn, und damit sollen Artikel enden, Inklusion ist ein Gewinn. Für alle. Immer.

CocoonDance: Momentum

Es zuckt noch!

Doch, doch, auch wenn man auf dem Land wohnt erlebt man manchmal Kultur. Dazu muss man zwar in die Stadt fahren, aber es gab einen Anlass und der wurde genutzt.
Es ging in die Eisfabrik, eine Kulturstätte in einer ehemaligen, nun, Eisfabrik. Die Räume wurden schon vor vielen Jahren umgestaltet und dabei nett rau gelassen. Es sieht so aus, wie sich heute die ganzen Burgerbratereien geben.
Gegeben wurde Tanz. Zur Musik eines DJs zuckten drei Körper, bewegten sich, schlängelten, tanzten.
Ich bewundere diese Kulturform, weil ich sie nicht verstehe. Wie probt man so etwa, wie merkt man sich die Choreographie, was ist Improvisation, was festgelegt?

Momentum von CocconDance ließ diese Fragen vergessen. Am Rand der Bühne aufgestellt, fühlte ich mich schnell einbezogen in die Performance. Die drei männlichen Tänzer lagen uns zu Füßen, das Gesicht zum Boden, in ein Tuch gehüllt, man konnte die Gesichter nicht erkennen. Ein sehr dumpfer, pulsierender Beat ließ die Show starten, die Tänzer zuckten, es war nicht ganz klar, ob sexuell konnotiert oder doch eher hospitalistisch geprägt. Später torkelten sie durch den Raum, kämpferisch, trunken, freundschaftlich verbunden. Sie kamen nah, sie verschwanden wieder und immer blieb eine ganz suberversive Form von Angst im Raum, bei den Zuschauern, bei den Tänzern, das war nie ganz klar. War es Volkstanz oder Entführung, man weiß es nicht. Endlich nahmen sie Masken ab, aber verstärkte noch die Unsicherheit, diese Blicke, der direkte Augenkontakt, junge Männer, mit Bärten, Vollbart. Hipster oder Islamist, es konnte alles sein. Sie pumpen, atmen, torkeln, wanken, springen, der Beat dazu dichter, drängender, fordernder, alle wippen mit, die Knie, die Köpfe bis es in einem Schrei endet.

Nach einiger Stille Applaus. Die Tänzer lächelten.

Die Wahlen, die GroKo, Schule und Digitalisierung (again)

Doch, doch, manchmal kann man sich nur wiederholen, grad nach einem Tag wie heute.

Was war passiert? In den letzten Tagen wurde der Vertrag vorgestellt, den die GroKo im Bundestag ausgehandelt hat, außerdem gibt es seit einiger Zeit eine GroKo in Niedersachsen. Konsens aller Gespräche ist, dass die Digitalisierung voran getrieben werden muss, Deutschland, das Land der Dichter und Denker, muss endlich Anschluss ans Internetz kriegen und das vor allem in der Bildung, d. h. in Politikerdeutsch: in den Schulen.

Jetzt ist im verlinkten Artikel schon alles gesagt worden, geändert hat sich seitdem nichts. Da aber auch die Didacta, Deutschlands große Schulmesse, statt findet, kann man sich mal mit dem Allheisbringer der Digitalisierung an Schulen beschäftigen und das ist das Smartboard a.k.a. InteractiveBoard oder whatever.

Das Gerät an sich ist recht simpel. Ein übergroßer Monitor zeigt den Schülern das, was sich auf dem angeschlossenen PC befindet. Mit einer speziellen Software kann man dann mit einem Stift oder gar den Fingern den Mauszeiger ersetzen und gaukelt so eine Interaktivität vor. Klingt ganz prima und schindet vor allem auf Elternabenden und bei Tagen der Offenen Tür immer noch Eindruck.

Exkurs: So weit dazu, wie digital erfahren „wir“ alle sind. Meine Meinung ist, dass wir über „AOL ist das Internet“ noch nicht heraus sind. WhatsApp, Facebook, aus die Maus.

Die Idee ist, dass Schüler mit dem Board zum einen eine Art Mitbestimmung lernen, indem sie z. B. mit einem iPad und der entsprechenden App via WiFi Kontakt zum Board erhalten und dort für sie freigegebene Inhalte steuern können. So.
Zum anderen können sie natürlich einfach auch ein Geodreieck aufrufen oder einen Zirkel, Inhalte aufdecken, Memory spielen und allerlei andere Spielereien machen. Das klingt in der Theorie auch reizvoll, man könnte jetzt auch vor allem technisch (oder aus Sicht des finanziellen Haushalts einer staatlichen Schule) dagegen argumentieren, das Problem liegt aber ganz woanders.
Denn was lernt man mit diesem Gerät? Den Umgang mit PCs, die Feinheiten von Word oder Excel oder gar die Logik einer Programmiersprache? Eigenverantwortung, selbständiges Denken, Teamfähigkeit, Präsentationsvermögen oder gar Problemlösungsstrategien und Kreativität? Also all das, was für’s Leben wichtig ist? Nein!

Es ist Frontalunterricht 2.0, die alte Kreidetafel im Spielzeuggewand (ein Spielzeug mit einem Gegenwert ab 4000,- Euro!).

Was Schüler aber brauchen ist etwa ganz anderes. Ich möchte jetzt gar nicht die ganzen sozialen Bedürfnisse erwähnen, die Schule abdecken soll, aber jedem sollte klar sein, dass Frontalunterricht nur noch als Ausnahme funktioniert und nicht als Standard. Erinnern Sie sich an ihre Schulzeit und wie bei Ihnen der Wissenserwerb überprüft wurde. Meinen Sie nicht, dass könnte auch anders gehen? Vielleicht mit Aufmerksamkeit und in kleinen Gruppen, ab von der Zentrierung und etwas individueller?
Letztlich ist das etwas, was nicht neu ist. Die Ideen dazu sind 70 Jahre alt, die Erkenntnisse auch. Die Studien dazu sagen seit über 10 Jahren, dass Länder, die so unterrichten erfolgreicher sind, ganz ohne große Technik. Und Digitalisierung heißt nicht nur 1a-Technik. Die hilft uns nur, über WhatsApp längere Videos zu verschicken. Aber Logik vermitteln, Menschenverstand schulen und Denken lernen, das wäre doch mal wieder etwas für das Land der Dichter und Denker.