SIE sind musikalisch degeneriert

Das tut mir sehr leid, das schreiben zu müssen, aber irgendwie müssen Sie es ja mal erfahren. Sie werden es auch nicht gerne hören, es ist aber wahr. Ich möchte mich auch gar nicht über Sie stellen, schließlich bin ich selber sehr eingeschränkt im Musikvertsändnis, denn – das beruhigt Sie vielleicht – es liegt nicht an Ihnen, sondern an unserer Kultur.

Nun ist es schade um die viele Zeit, die Sie in Ihre musikalische Bildung investiert haben. Sie kennen natürlich alle Stars Ihres Lieblingsgenres, aber auch einige stille, unentdeckte Perlen. Sie schauen natürlich auch über den musikalischen Tellerrand, auf die benachbarten Genres sowieso; es gibt aber auch eine Musikrichtung, die finden Sie gut, obwohl sie so ganz anders ist. Dieses andere Genre haben sie auch mal angehört, aber ganz ehrlich, so richtig mögen Sie das nicht (muss ja auch nicht, man muss nicht alles mögen). Vielleicht machen Sie sogar selber Musik, singen oder spielen ein Instrument; oder nutzen Sie gar alternative Möglichkeiten, Musik zu machen, elektronische Klangerzeugung oder etwas ganz anderes?
Sie erkennen natürlich Dur und moll und Sie wissen, dass es fröhlich oder traurig klingt; auf 2 und 4 Klatschen können Sie auch (auch, wenn Sie denken, Sie würden damit die schweren Zeiten anders betonen, was natürlich Quatsch ist). Also?!

Dur und moll, ja, da ist genau das Problem. In der westlichen Kultur sind vor allem die Erfindung des Klaviers und die erfolgreichen Kompositionen für das Wohltemperierte Klavier von Bach für die Reduzierung der Tonkultur verantwortlich. Ja, genau der Johann Sebastian, der weltweit als einer der größten deutschen Musiker gefeiert wird und dessen Text des ersten Satzes des Weihnachtsoratorium sie in den Sozialen Medien sofort zitieren können, sobald jemand „Jauchzet“ schreibt. Das ist ein großes Hallo, sicher, aber die Halbtonschritte auf dem Klavier sind nur ein Kompromiss und haben unser harmonisches Verständnis massiv eingeschränkt. Unsere Hörgewohnheit sind seither nicht mehr die reinen Harmonien, sondern, nun, Kompromisse. Ihr Rhythmusempfinden ist allerdings schon länger degeneriert, schon in der Renaissance mochte man das Verhältnis von 2 zu 3 (schauen sie mal auf Kirchenfenster dieser Zeit) und in der Kirchenmusik ist die 2er-Gruppe die irdene, schwere Zeit, der 3er die himmlische, leichte Takteinteilung. Überhaupt Takte, was für eine Idee! Letztlich finden wir aber den 4-Viertel-Takt ganz gut oder halt den Walzertakt. Vielleicht grad weil der 4er so archaisch ist, ist er bei uns so erfolgreich, man blicke nur mal auf den Techno. Gut, sie kennen jetzt auch Dave Brubecks Take Five oder auch Lalo Schifrins Theme for mission impossible, aber das ist ja auch recht bekannt. Was halten Sie eigentlich von Dream Theaters Erotomania? Könnten Sie da die Taktaufteilung bestimmen?

Bevor hier alle über mich herfallen, stellen Sie sich doch mal diesen Fragen:

  • Kennen Sie Berlioz Symphonie Fantastique? Könnten Sie den Anfang pfeifen?
  • Le sacre du printemps: Unhörbar oder ein gewohnter Klassiker der Avantgarde?
  • Cages 4‘33“: Musikalischer Witz oder ernsthafte Musik?
  • Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal auf einem Konzert für Zeitgenössische Musik? Mit Absicht? Haben Sie Gelacht oder wurden ihr Geist erhellt?
  • Waren Sie mal bei einer Uraufführung dabei?
  • Haben Sie schon mal alte byzantinische Kirchenmusik gehört? Hören Sie da die Verwandtschaft zu arabischer Musik?
  • Können Sie eigentlich Vierteltöne singen?
  • Etwas weiter nach Asien: Peking-Oper? Yay or nay?
  • Apropos Asien: Kennen Sie einen alten chinesischen Meister und wissen Sie, für welche Instrumente komponiert wurde?

So könnte man ewig weitermachen, aber warum provoziere ich Sie eigentlich durchgehend?
Musik wird oft dazu benützt, um sich von anderen abzuheben, Musikwissen als Alleinstellungsmerkmal. Du bist, was du hörst. Hörst du das Falsche, bist du nichts.

Schlager hat da keinen großen Stellenwert, mit Rap erhöht man allenfalls die street credibility; Klassikhörer haben sicherlich eine finanzielle Sicherheit, werden aber durch ihre Abos auch musikalisch auf die sichere Seite gestellt. Jazz ist da avantgardistischer, verfehlt aber auch das Primat der Tanzbarkeit, ach, die Liste ist lang.
Können Sie sich Angela Merkel auf einem 3-Tage-Rave vorstellen? Die Lochis in der Philharmonie? Mario Barth gepflegt mit Rotwein auf der Couch und Jazz aus der Linn-Anlage? Warum eigentlich nicht? Wäre das nicht nett, diesen Leuten soviel mehr zuzugestehen, als das mediale Bild zulässt?
Musik sollte Neugier wecken, Freude erzeugen, Spaß machen, Begegnungen fördern. Das, was Madonna beim ESC sagte, das ist wichtig (sie wissen, was dann passierte)!

Für Neugier, Offenheit, Freude müssen wir aber erkennen, dass wir nicht die Krone des Musikwissens sind, es geht nicht nur um ich und mich; andere machen es anders und dieses Andersein muss man akzeptieren. Mehr über Musik zu wissen ist nie schädlich, wir können daran nur wachsen, immer nur selber besser werden: als Hörer, als Musiker, als Kennern, als Mensch. Wer an dieser Stelle den Zusammenhang zu größeren, wichtigeren Dingen als Musik entdeckt: ja, darauf wollte ich hinaus.

Bleiben Sie also neugierig. Bleiben Sie offen. Freuen Sie sich am Neuen. Es gibt viel zu entdecken!

Einflüsse

Nenne fünf Musikgruppen, die dich musikalisch geprägt haben.

Diese Aufgabe wurde in diesem Tweet gestellt und ich antwortete folgendermaßen:

EAV, Depeche Mode, Kraftwerk, Thievery Corporation, Hilliard Ensemble.

Und ich kann das erläutern.

EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung): Musik ist zur Unterhaltung gedacht, da kann man auch mal Quatsch machen. Aber, egal wie man zur Musik steht, man musiziert mit aller Ernsthaftigkeit und größtmöglicher Professionalität. So habe ich EAV erlebt. Viel Unsinn, aber das sehr, sehr gut präsentiert.

Depeche Mode: Ganz anders als die ARD am Samstagabend. Elektronisch, düster. Ich bin erst bei Personal Jesus eingestiegen, war wohl ganz klug. Depeche Mode waren
das Leben jenseits von Formel Eins und Hitparade, weit vor MTV.

Kraftwerk: Kraftwerk waren mit „Model“ in der Hitparade, ich glaube, dass in der gleichen Sendung auch Foyer des Arts waren, mit „Erlangen“. Meine deutschen Depeche Mode und so viel größer. Die Loslösung der Musik von der Person bewundere ich bis heute.

Thievery Corporation: Keine Angst vor Klischees! Wenn sie gut produziert sind und geschmackvoll arrangiert! Dann etwas stilvollen Vortrag dazu, dann muss man die Musik gar nicht neu erfinden. Das kann man auch in andere Auftrittsformate übertragen.

Hilliard Ensemble: Reine Perfektion. Liebe zum Detail. Aufhören können. (Vielleicht schaffe ich zumindest das.)

Zum Glück wurde nach Gruppen gefragt, bei Solokünstlern würde mit die Auswahl wirklich schwerfallen.

CocoonDance: Momentum

Es zuckt noch!

Doch, doch, auch wenn man auf dem Land wohnt erlebt man manchmal Kultur. Dazu muss man zwar in die Stadt fahren, aber es gab einen Anlass und der wurde genutzt.
Es ging in die Eisfabrik, eine Kulturstätte in einer ehemaligen, nun, Eisfabrik. Die Räume wurden schon vor vielen Jahren umgestaltet und dabei nett rau gelassen. Es sieht so aus, wie sich heute die ganzen Burgerbratereien geben.
Gegeben wurde Tanz. Zur Musik eines DJs zuckten drei Körper, bewegten sich, schlängelten, tanzten.
Ich bewundere diese Kulturform, weil ich sie nicht verstehe. Wie probt man so etwa, wie merkt man sich die Choreographie, was ist Improvisation, was festgelegt?

Momentum von CocconDance ließ diese Fragen vergessen. Am Rand der Bühne aufgestellt, fühlte ich mich schnell einbezogen in die Performance. Die drei männlichen Tänzer lagen uns zu Füßen, das Gesicht zum Boden, in ein Tuch gehüllt, man konnte die Gesichter nicht erkennen. Ein sehr dumpfer, pulsierender Beat ließ die Show starten, die Tänzer zuckten, es war nicht ganz klar, ob sexuell konnotiert oder doch eher hospitalistisch geprägt. Später torkelten sie durch den Raum, kämpferisch, trunken, freundschaftlich verbunden. Sie kamen nah, sie verschwanden wieder und immer blieb eine ganz suberversive Form von Angst im Raum, bei den Zuschauern, bei den Tänzern, das war nie ganz klar. War es Volkstanz oder Entführung, man weiß es nicht. Endlich nahmen sie Masken ab, aber verstärkte noch die Unsicherheit, diese Blicke, der direkte Augenkontakt, junge Männer, mit Bärten, Vollbart. Hipster oder Islamist, es konnte alles sein. Sie pumpen, atmen, torkeln, wanken, springen, der Beat dazu dichter, drängender, fordernder, alle wippen mit, die Knie, die Köpfe bis es in einem Schrei endet.

Nach einiger Stille Applaus. Die Tänzer lächelten.

Kleine Musikstunde: Tonleitern und ABC

Folgendes:

  

So, 10.45 Uhr, Unterrichtsbeginn, Ruhe jetzt, auch dahinten!

Diese Frage hat uns ein kluger Schüler gestellt, ja, auch Erstklässler dürfen so etwas fragen und darauf Antwort erhalten. Nicht tuscheln, ich höre das!

Ich versuch es mal, einfach zu halten.

  1. Wie die Schrift hat sich auch die Notation entwickelt. Das ist lange her, über 1500 Jahre. Damals hat man vor allem versucht, die Kirchengesänge zu notieren und, weil alles auf Latein war, hat man auch für die Notennamen lateinische Begriffe verwendet. Außerdem hatte man viel mehr Tonleitern als das heutige Dur und moll. Es gab also ein b rotundum, das „weiche“ b, welches geschrieben einem h sehr ähnelte. Wenn man jetzt als Ausgangston ein a nimmt hat man a b c d e f g. Nur fanden alle Deutschen, Slawen und Skandinavier, dass das b doch sehr wie ein h aussähe und machten daraus a h c d e f g. Später wurden daraus die Stammtöne c d e f g a h. Der Brite indes kümmerte sich nicht darum und blieb beim b.
  2. Warum aber geht es nicht weiter? Nun, der Herr Pythagoras, manch einer erinnert sich an den Satz mit den Quadraten, hat entdeckt, dass sich gewisse Schallwellen überlagern. Obertonreihe nannte er das und man kann es bei einer Gitarre ganz prima demonstrieren: Drückt man eine Saite genau auf der Hälfte ab, erklingt die Oktave, d. h. der Ton wiederholt sich, aber höher klingend. Darum ist nach a b c d e f g auch Schluss und man fängt wieder von vorne an.

O.K., das könnte man jetzt irrsinnig vertiefen, aber es soll ja für das einfache Verständnis reichen. Einsprüche anyone?

Was ein guter Name für ein Blechbläserensemble ist (II)

Allgemein Blaeserey

Wenn man viel Alte Musik spielt, Renaissance etwa und Barock. Wenn Mozart zu katholisch und zu modern ist. Wenn man keine Hemmungen hat, mit Blockflöten, Sackbuts und Zinken zu musizieren. Ein Name für ein Ensemble um Scheidt, Schein und Schütz. Für mehr colla parte.

Allgemein: für die kundige Bläserei.

Nur halt so geschrieben, wie man es tat, als es noch keine neue Rechtschreibung gab. Es sey.