In da club

Nehmen wir mal an, Sie betreiben seit Jahrzehnten erfolgreich einen Club. Angefangen hat es in der Love&Peace-Euphorie der frühen House-Szene, die Leute strömten rein, ihre Stamm-DJs hatten gut zu tun und Sie selber mussten nicht mehr machen als aufzuschließen und da zu sein.
Aber ihr Publikum alterte, man bekam Kinder, die Wirtschaftslage tat ihr übriges und die Besuchszahlen schwanden. Als dann ihr Haupt-DJ ging, verfielen sie auf die Idee, Musik von den Besuchern machen zu lassen, denn der andere DJ hatte nicht mehr so regelmäßig Zeit. Kam nich so gut an. Außerdem ließen Sie einige Renovierungsschritte sein. Im Winter, wenn die Heizkosten anstanden, verlegten sie alles in den Partyraum, der etwas kleiner und nicht so prachtvoll war, aber für die Besuchermenge reichte. Später dann, als es noch weniger Besucher wurden, taten sie sich mit dem Club aus der Nebenstraße zusammen, der unter den gleichen Problemen litt. Nun fanden ihre Partys abwechselnd mal hier, mal dort statt. Dort allerdings war der Beginn etwas später. Manche Besucher schreckte das ab, als sie dann wiederholt frierend vor der verschlossenen Tür standen. Darauf hatten Sie keinen Bock mehr, auch Sie sind schließlich älter geworden, da kümmert man sich um sein Sofa lieber als den Grüß-Onkel zu geben.
Richtig begeistert war dann auch niemand, als der letzte DJ ging und Sie die neue Zeit nutzten und eine Spotify-Liste anstellten. Als Sie zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss umdrehten konnten Sie gar nicht verstehen, wie das alles gekommen war.

Das klingt sehr unrealistisch, oder?! Da weiß doch jeder, das man jeden Besucher werben würde; die Räume müssten Chic sein, der Chef präsent, der DJ auf der Höhe der Zeit; da ist doch jedem klar, dass der Spirit um jeden Fall erhalten sein muss; da muss die Bude geöffnet sein, wenn die nostalgische Partycrowd vor der Tür steht.

All das ging mir durch den Kopf, als ich in der Landgemeinde vor verschlossener Kirchentür stand. Ich wollte ganz spontan, nach Monaten, mal wieder vor Ort in die Kirche. Das Kirchenblatt hatte ich dummerweise ignoriert, in dem genau steht, wann an welcher Stätte im Landkreis denn welche Form von Gottesdienst statt findet.
Das ging mir auch durch den Kopf, als ich mit Kirchenmusikskollegen über den Umgang mit ihnen und die Bezahlung von ihnen sprach; das ging mir durch den Kopf, als zur Rettung der Kirche mal wieder die Popmusik auserkoren wurde (über den inhaltlichen Unsinn des Sakro-Pop-Schlagers „Wo Menschen sich vergessen“ rante ich demnächst mal).
Vielleicht unterscheidet sich Kirche ganz generell von Clubs und vielleicht muss nicht jede Kleinstgemeinde ihren Gottesdienst erhalten. Vielleicht aber wollen Gottesdienstbesucher etwas, was so leicht vergessen wird: einen feierlichen Ort, angemessene, verkündigende Musik und den Bezug zum Wort, klug und inhaltsvoll vorgetragen von Fachpersonal. Vielleicht scheitert es aber genau daran, am Fachpersonalmangel. Vielleicht bedingt das eine aber auch das andere. Könnte man mal drüber nachdenken.

Fünf Stunden Arbeit am Tag sind genug – wenn man es sich leisten kann

In der von mir besuchten Medienwelt kursieren Meldungen über einen Bielefelder Agentur-Chef, der seinen Angestellten bei vollem Lohn ermöglicht, nur fünf statt acht Stunden zu arbeiten. An anderer Stelle redet man davon, dass gar vier Stunden Arbeit pro Tag genug sind.

Exkurs: Gleichzeitig mehren sich die Meldungen, dass die Stadt Bielefeld 25 Jahre Bielefeld-Verschwörung feiert.

Das klingt ja auch wirklich verlockend, nach fünf Stunden lässt man den Hammer fallen und geht in einen ruhigen Nachmittag, hat Zeit für Familie, Freunde und Hobbies. Vor allem in den körperlich anstrengenden Berufen wäre das ein Traum. All die Handwerker, die früh mit körperlichen Leiden zu tun haben sitzen nicht mehr beim Orthopäden, ebensowenig die Pflegekräfte. Kaufhaus-Angestellte würden noch etwas Sonne sehen und auch für die Arbeitslosenquote wäre das natürlich gut; allerdings müssten mehr Menschen in Schichten arbeiten. Trotzdem: Tolle Idee!

Nun gab es neulich ein Radio-Interview mit dem begeisterten Agentur-Chef, der natürlich auch ein Buch darüber geschrieben hat. Hier war die erste Einschränkung zu diesem Modell, dass es genau für die oben beschriebenen Arbeiten eben nicht gedacht ist. Fünf Stunden Arbeit reichen natürlich nur für „Wissens-Arbeiten“. Schade für all die Paketfahrer und Mindestlohnverdiener.

Grundlage ist, dass man zu den Wissensarbeiten Studien gibt, die zeigen, dass ein Großteil der Arbeitszeit mit Pausen, Gesprächen mit Kollegen und Ablenkungen wie Konferenzen besteht. Richtig konzentriert und effektiv arbeitet man ca. zweieinhalb Stunden bei einem Acht-Stunden-Tag. Also beschloss jener Chef, dass Pausen und Gespräche wegfallen, man Konferenzen und Besprechungen so kürzt, dass man beim Thema bleibt und fünf Stunden ohne Pause man Stück arbeitet. Nur Raucherpausen sind erlaubt, weil dann die Mitarbeiter im Prozess feststecken würden und Zeit zum Denken bräuchten. Alle anderen würden ja um 13 Uhr Schluss machen und am Nachmittag über die entstandenen Probleme nachdenken. Na? Merken sie was?

Zweieinhalb Stunden sonst, jetzt fünf? Am nächsten Tag mit Lösungen kommen?

Reichten sonst noch Kickertische und Club Mate in den Shared Spaces um die Reklame-Praktikanten in Start-Ups auszubeuten (diese Wörter, mon dieu!), ist es nun ein weiterer Schritt, den Feierabend in den häuslichen Bereich zu verlagern unter dem Deckmantel einer vermeintlich modernen Menschlichkeit. Wie bei so vielen modernen Managementtheorien geht es wieder nur um Optimierung, Profitsteigerung und Ausbeutung. Andere Studien zeigen nämlich, dass es durchaus sinnvoll ist, alle Stunde seine Arbeit kurz zu unterbrechen, mit anderen zu reden, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und das benötigt – wie könnte es anders sein – Zeit.

Es gibt übrigens es schon eine Berufsgruppe, die fünf Sunden am Stück eine Gruppe von 30 Leuten unter geistiger Hochleistung und ohne Pause anleitet, fortbildet und betreut, um alle weitere Arbeit im Homeoffice zu erledigen. Aber dieser Gruppe spricht man aber eine gewisse Faulheit und Neigung zum Klagen ohne zu Leiden zu; man spricht von „vormittags recht und nachmittags frei“.
Das würde man über eine Agentur unter so modernen Führung natürlich nie sagen.

2018

So, wie war denn 2018?

1. Zugenommen oder abgenommen?
Ach, so wie immer.

2. Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Dann kommen die Geheimratsecken besser raus. Will aber wieder wachsen lassen.

3. Mehr bewegt oder weniger?
Immer noch mehr, immer noch mehr Wandern. Das Wander-Blog füllt sich langsam.

4. Der hirnrissigste Plan?
Klettersteige ohne Kletterset zu gehen. Laut Wanderführer brauchte man die aber auch nicht.

5. Die gefährlichste Unternehmung?
Na, ja, die Klettersteige.

6. Die teuerste Anschaffung?
Ein Wäschetrockner.

7. Das leckerste Essen?
Hm. Vieles lecker, wir kochen ja oft gut. Der E5 in Südtirol war ein kulinarischer Genuss.

8. Das beeindruckendste Buch?
Hm, kaum gelesen.

9. Der beste Sex?
Habt ihr schon mal Golf gespielt?

10. Der ergreifendste Film?
Da war diese Wanderdokumentation über Kreta? Filme gucke ich kaum noch im Lichtspieltheater, oft reicht es, wenn es irgendwann im Fernsehen kommt und dann erinnere ich mich nicht.

11. Die beste CD bzw. der beste Download?
Voces8, ein britisches Vokalensemble.

12. Das schönste Konzert?
Das Februar-Konzert mit den Bläsern; eine Geburtstagsparty mit der Kollegiums-Band.

13. Die meiste Zeit verbracht mit …?
Der Frau. Ein Glück.

14. Die schönste Zeit verbracht mit …?
…der Frau auf Wanderungen im Chor auf Wanderungen.

15. Vorherrschendes Gefühl 2018?
Erleichterung. So kann das weitergehen.

16. 2018 zum ersten Mal getan?
Eine Funktionsstelle angenommen und Dinge neu strukturiert. Geht gut, dauert aber.

17. 2018 nach langer Zeit wieder getan?
Ein Wah gekauft und damit einen Nachmittag lang rumgespielt. Funky sh*t.

18. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Der Klettersteig, der Abgrund am Klettersteig, der nächste Klettersteig.

19. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Du kannst das.

20. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Hm (Vorsatz: mehr schenken!)

21. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Hm (ich brauch ja nix.)

22. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Irgendwas romantisches von meiner Frau wahrscheinlich.

23. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Irgendwas romantisches zu meiner Frau wahrscheinlich.

24. 2018 war mit einem Wort …?
Ein Lichtblick. 2019 kann ich hoffentlich die Früchte ernten.

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#SepteMeer2018

Wer nicht weiß, was Septemeer ist, der schaue hier.
Ich selber kann nur kleine Scribble-Miniaturen, dieses Mal ergab es immerhin ein Wimmelbild.

Zeichnung mit Meeresmotiven

Auf den Straßen

Stellen Sie bitte mal eine durchschnittliche Straße in einer kleineren Stadt vor, vielleicht sogar in einem Dorf. Es gibt eine Ampel, das ist gut. Vor allem zu Berufsverkehrszeiten, denn die Pendler queren die Stadt, wir sind im Speckgürtel einer Landeshauptstadt.
Nun ist es aber Abend, in zwei Stunden werden die Ampeln ausgestellt. Ein Radfahrer, er scheint es öfter zu machen und ist gut ausgestattet, nun, dieser Radler fährt einfach bei Rot. Das ist nicht weiter schlimm, die Straßen sind leer und nur ein Auto nähert sich. Das Auto ist zu schnell, vielleicht 70km/h, das passiert im Ort in der Nacht öfter, die Ampel ist aus, die Blitzer… welche Blitzer?
Aber all das ist kein Problem, der Radler ist schnell, die Straßen sind frei, das Auto weicht aus.

Der Autofahrer hupt, lang und ausdauernd, er muss unbedingt vor dem Radfahrer einscheren, recht knapp, dabei wäre Platz genug.
Der Radfahrer zeigt den Mittelfinger, er pöbelt mit unflätigen Wörtern, bremst, spuckt, dabei könnte er einfach das Hupen ignorieren. Das Auto bremst.

Passiert ist nichts weiter, nur eine Drohgebärde, die der Fahrer durch ein sofortiges Weiterfahren entschärfte.
Und irgendwie fühlt man sich sofort an die aktuelle Politik erinnert.

***

Im übrigen finde ich, dass der Innenminister zurücktreten sollte (inspiriert von Herrn Buddenbohm).

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