Die Wahlen, die GroKo, Schule und Digitalisierung (again)

Doch, doch, manchmal kann man sich nur wiederholen, grad nach einem Tag wie heute.

Was war passiert? In den letzten Tagen wurde der Vertrag vorgestellt, den die GroKo im Bundestag ausgehandelt hat, außerdem gibt es seit einiger Zeit eine GroKo in Niedersachsen. Konsens aller Gespräche ist, dass die Digitalisierung voran getrieben werden muss, Deutschland, das Land der Dichter und Denker, muss endlich Anschluss ans Internetz kriegen und das vor allem in der Bildung, d. h. in Politikerdeutsch: in den Schulen.

Jetzt ist im verlinkten Artikel schon alles gesagt worden, geändert hat sich seitdem nichts. Da aber auch die Didacta, Deutschlands große Schulmesse, statt findet, kann man sich mal mit dem Allheisbringer der Digitalisierung an Schulen beschäftigen und das ist das Smartboard a.k.a. InteractiveBoard oder whatever.

Das Gerät an sich ist recht simpel. Ein übergroßer Monitor zeigt den Schülern das, was sich auf dem angeschlossenen PC befindet. Mit einer speziellen Software kann man dann mit einem Stift oder gar den Fingern den Mauszeiger ersetzen und gaukelt so eine Interaktivität vor. Klingt ganz prima und schindet vor allem auf Elternabenden und bei Tagen der Offenen Tür immer noch Eindruck.

Exkurs: So weit dazu, wie digital erfahren „wir“ alle sind. Meine Meinung ist, dass wir über „AOL ist das Internet“ noch nicht heraus sind. WhatsApp, Facebook, aus die Maus.

Die Idee ist, dass Schüler mit dem Board zum einen eine Art Mitbestimmung lernen, indem sie z. B. mit einem iPad und der entsprechenden App via WiFi Kontakt zum Board erhalten und dort für sie freigegebene Inhalte steuern können. So.
Zum anderen können sie natürlich einfach auch ein Geodreieck aufrufen oder einen Zirkel, Inhalte aufdecken, Memory spielen und allerlei andere Spielereien machen. Das klingt in der Theorie auch reizvoll, man könnte jetzt auch vor allem technisch (oder aus Sicht des finanziellen Haushalts einer staatlichen Schule) dagegen argumentieren, das Problem liegt aber ganz woanders.
Denn was lernt man mit diesem Gerät? Den Umgang mit PCs, die Feinheiten von Word oder Excel oder gar die Logik einer Programmiersprache? Eigenverantwortung, selbständiges Denken, Teamfähigkeit, Präsentationsvermögen oder gar Problemlösungsstrategien und Kreativität? Also all das, was für’s Leben wichtig ist? Nein!

Es ist Frontalunterricht 2.0, die alte Kreidetafel im Spielzeuggewand (ein Spielzeug mit einem Gegenwert ab 4000,- Euro!).

Was Schüler aber brauchen ist etwa ganz anderes. Ich möchte jetzt gar nicht die ganzen sozialen Bedürfnisse erwähnen, die Schule abdecken soll, aber jedem sollte klar sein, dass Frontalunterricht nur noch als Ausnahme funktioniert und nicht als Standard. Erinnern Sie sich an ihre Schulzeit und wie bei Ihnen der Wissenserwerb überprüft wurde. Meinen Sie nicht, dass könnte auch anders gehen? Vielleicht mit Aufmerksamkeit und in kleinen Gruppen, ab von der Zentrierung und etwas individueller?
Letztlich ist das etwas, was nicht neu ist. Die Ideen dazu sind 70 Jahre alt, die Erkenntnisse auch. Die Studien dazu sagen seit über 10 Jahren, dass Länder, die so unterrichten erfolgreicher sind, ganz ohne große Technik. Und Digitalisierung heißt nicht nur 1a-Technik. Die hilft uns nur, über WhatsApp längere Videos zu verschicken. Aber Logik vermitteln, Menschenverstand schulen und Denken lernen, das wäre doch mal wieder etwas für das Land der Dichter und Denker.

Nachtrag Digitalisierung

Für fünf Milliarden mach ich das!

Nachdem bekannt wurde, dass fünf Milliarden für die Digitalisierung der Schulen in Deutschland bereit gestellt werden sollen, bilden sich zwei Meinungen heraus. Auf Seiten der LehrerInnen gibt es den Wunsch, erst mal dringendere (wortwörtlich gemeinte) Baustellen anzugehen. Dies wiederum führt zu Verwunderung, grad im Lager der IT-Spezialisten, für die digitale Bildung natürlich die zeitgemäße, zukunftsweisende Form des Lernens ist.

Ich selbst finde die allzu offene Ablehnung der KollegInnen auch etwas merkwürdig, allerdings verstehe ich, dass man geheizte, saubere Toiletten mit Brille und Deckel durchaus reizvoll findet. Auch die Personalsituation ist verbesserungswürdig. Krankheitsvertretungen gibt es kaum und eine Schule gilt ja schon als gut besetzt, wenn 95% des Unterrichts gedeckt ist. Fachunterricht wird dabei kaum beachtet, wenn’s nur Sportlehrer hat und man eigentlich Musiklehrer bräuchte… na, hauptsache 95%. Mathematiker können bestimmt auch 95% = 100% setzen.
Der anderen Seite könnte man vermittelnd sagen, dass es vor allem an einem Konzept für die Nutzung der fünf Milliarden fehlt und dazu habe ich ein aktuelles Beispiel:

Wir haben vier InteractiveBoards an der Schule. Diese wurden günstig gekauft und aufgebaut, ein Messeangebot. Die PCs wurden von einem Elektro-Lehrgang eines Berufsbildungswerks angeschafft und eingerichtet. Die Auszubildenden kannten sich aber weder mit Schulgewohnheiten aus (Grundschüler sollten nicht überall zugreifen können), noch mit den Eigenheiten eines Smart-Boards. Irgendwann hatten alle die Nase voll, dass man eigentlich nur große Monitore hatten und die mitgelieferten Stifte nicht funktionierten. Die Azubis konnten es nicht lösen, nach einem Jahr durften wir den Vertrag lösen, schauten zu zweit selbst, redeten mehrfach über den Wunsch nach Technikern. Zwei Jahre dauerte dieser Prozess. Heute waren zwei Herren da, die in drei Stunden vier Boards zum Laufen brachten. Einfach so, weil sie Ahnung hatten. Sie bekommen viel Geld dafür und ich finde zurecht. Das nächste Mal können wir sie uns aber erst wieder 2020 leisten. Dafür arbeiten die SchülerInnen halt mit OpenOffice.
Es fehlte uns einfach die Kenntnis über all die Möglichkeiten von PCs und deren Peripherie, über Apps und Programme. Vor allem fehlt die Zeit, diese Kenntnis zu erwerben und zu überlegen, wie wir sie sinnvoll in der Schule einsetzen. Wir sind Lehrer und keine Techniker. Wir werden im Unterricht benötigt und wir haben nur 95% und es ist Erkältungszeit.

Mit Konzept wären fünf Milliarden super aufgehoben in Schulen, vielleicht für Zeugnissoftware, Schulverwaltungssoftware, Lernprogramme, IT-Konzepte und Cloud-Systemen speziell für Schulen. Ich wäre auch bereit, so ein Konzept zu entwickeln und umzusetzen. Aber nur mit einem Büro im Kultusministerium. Dort soll es warme Toiletten geben.

Sie haben die Wahl

Dumm und Dümmer.

Es sind Wahlen. Gejammert wird im Nachgang vor allem, dass die AfD doch SO VIELE Stimmen erhalten hat. Kann man machen, muss man nicht. Denn die Ursache findet sich in den Wahlversprechen. Nein, nicht die Lügen über Steuer, Reichtum, besseres Leben. Na, gut, die natürlich auch, aber halt auch die Versprechen zur Bildung und die lächerliche Umsetzung derselben. Bildung, das heißt für moderne Parteien: Digitalisierung (Magische Wolke und Puff-Geräusche).

Ja, that’s it, hier und da ein Computer, ein Tablet und ein Smartboard in die Klassen gebracht und schon geht die Bildung durch die Decke! So klingt es zumindest in den Wahlprogrammen. Die Wahrheit sieht aber so aus:

  • Der Schulhaushalt ist nicht darauf ausgelegt, eine vernünftige IT anzuschaffen.
  • Hier könnte die Liste zu Ende sein, aber ich kann das ausführen.
  • IT ist weder Lernmittel noch Bauunterhalt. Leasen ist nicht im Haushaltsplan vorgesehen oder genehmigt. Also werden die PCs selten angeschafft und sind schnell veraltet.
  • Ein Wartungstechniker ist schon mal gar nicht vorgesehen. Also hängen gerne mal unbenutzbare Boards an der Wand, die mit einem einfachen USB-Kabel wieder laufen könnten, wenn denn ein Techniker käme, der wüsste, wie man das Ding von der Wand bekäme.
  • Die PCs sind in der Regel viel zu billig eingekauft, weil der oder die Verantwortliche an seine oder ihre Haushalts-PCs denkt. Oder viel zu teuer, weil man sie vom Schulausstatter kauft.
  • Wussten Sie, dass man Software für PCs braucht? Krass, oder?!
  • Oder auch Schutzsoftware. Verrückte Welt.
  • Hier ein Witz: Es soll Server geben. Lustig, oder?
  • Wer kümmert sich eigentlich um die Dinger? Fragen Sie mal jemanden, der in der IT-Branche Geld verdient, ob er für ein Hausmeistergehalt sich zu den oben genannten Bedingungen mit PCs beschäftigen möchte und dazu unentgeltlich noch eine Homepage-AG u. ä. anbieten will.
  • Es ist alles auf Microsoft ausgerichtet. Selbst die lehrerinternen Fortbildungen, die das Land arrangiert, sind von MS gesponsort.
  • Die Schulbuchverlage sind noch gar nicht auf digitale Medien eingestellt. Schulen kaufen zwar viele, viele Bücher jedes Jahr, aber ein PDF davon zu erhalten, mit dem man auf PCs, Tablets oder Boards arbeiten könnte, das ist nahezu unmöglich.
  • Und: Tablets. Kaufen Sie mal welche für eine ganze Klasse und versuchen Sie dann, Software OHNE Kreditkarte zu kaufen. Bei Android. Haha.
  • Apropos Tablets: Ohne WiFi sind die recht nutzlos. Da sind aber Stahlbetonbauten, diese Sache mit den Technikern…
  • Die Telekom hat zwar ein Angebot, dass Schulen recht günstig bis kostenlos ans Netz kommen, aber das schnelle Netz ist oft eher woanders.
  • Die KollegInnen. Ich wurde 2013 noch gefragt, ob ich die Zeugnistexte auf Diskette speichern könne. Die Älteren erinnern sich.
  • Datenschutz: Ich darf Zeugnistexte nicht per E-Mail verschicken, nicht in eine Dropbox packen, nur auf einem PC ohne Internetanbindung schreiben. Aber, hey, Schulen ans Netz!

Kurz: Die digitale Schule ist, leider, noch keine Bildungslösung. Es wird kommen, weil junge KollegInnen nachkommen und die SchülerInnen immer mehr Umgang damit haben. Aber wichtiger wäre vielleicht erst mal Ruhe in der Bildungspolitik, langfristig geplante und sicher umgesetzte Konzepte, gut ausgebildetes, motiviertes, unbelastetes Personal in reichlicher Menge und ein intaktes, freundliches Gebäude. Damit wäre den SchülerInnen schon viel geholfen. Vielleicht kostet das aber zuviel Geld. Vielleicht sogar soviel wie eine Bankenrettung.

P.S.: Es wurden ja 5 Milliarden Euro versprochen für Digitalisierung der Schulen. Das teilen Sie doch mal auf die ca. 50.000 Schulen in Deutschland auf…

Kleine Musikstunde: Tonleitern und ABC

Folgendes:

  

So, 10.45 Uhr, Unterrichtsbeginn, Ruhe jetzt, auch dahinten!

Diese Frage hat uns ein kluger Schüler gestellt, ja, auch Erstklässler dürfen so etwas fragen und darauf Antwort erhalten. Nicht tuscheln, ich höre das!

Ich versuch es mal, einfach zu halten.

  1. Wie die Schrift hat sich auch die Notation entwickelt. Das ist lange her, über 1500 Jahre. Damals hat man vor allem versucht, die Kirchengesänge zu notieren und, weil alles auf Latein war, hat man auch für die Notennamen lateinische Begriffe verwendet. Außerdem hatte man viel mehr Tonleitern als das heutige Dur und moll. Es gab also ein b rotundum, das „weiche“ b, welches geschrieben einem h sehr ähnelte. Wenn man jetzt als Ausgangston ein a nimmt hat man a b c d e f g. Nur fanden alle Deutschen, Slawen und Skandinavier, dass das b doch sehr wie ein h aussähe und machten daraus a h c d e f g. Später wurden daraus die Stammtöne c d e f g a h. Der Brite indes kümmerte sich nicht darum und blieb beim b.
  2. Warum aber geht es nicht weiter? Nun, der Herr Pythagoras, manch einer erinnert sich an den Satz mit den Quadraten, hat entdeckt, dass sich gewisse Schallwellen überlagern. Obertonreihe nannte er das und man kann es bei einer Gitarre ganz prima demonstrieren: Drückt man eine Saite genau auf der Hälfte ab, erklingt die Oktave, d. h. der Ton wiederholt sich, aber höher klingend. Darum ist nach a b c d e f g auch Schluss und man fängt wieder von vorne an.

O.K., das könnte man jetzt irrsinnig vertiefen, aber es soll ja für das einfache Verständnis reichen. Einsprüche anyone?

Frau Müller muss weg!

Und alle Lehrerinnen lachen

Neulich, der Mittwochstermin im Kino hat mir ja gut gefallen, schließlich habe ich Bekannte getroffen. Jetzt habe ich noch mehr Bekannte getroffen und das sogar im Kino. Anscheinend habe ich viele Bekannte.

Gut an diesem Film war, dass er in einem Programmkino lief, da sind die Vorschauen besser und nun habe ich Lust auf zwei weitere Filme. Ich muss mich nur an die Titel erinnern.

Das Kino war voll mit Lehrerinnen und meiner Frau. Anfangs lachten viele, außer meiner Frau. Aber sie ist auch keine Lehrerin und erkannte die Klischees nicht wieder. Das gelang mir und den Lehrerinnen schon.
Später lachten wir alle. Sowohl die Eltern als auch die Lehrerin wurde sehr gut getroffen und es vereinigt sich allerlei Vorstellungen in nur wenigen Personen. Zum Schluss sagte die Frau, dass es solche Eltern wohl nicht wirklich gäbe und einige Zuschauer drehten sich ihr zu und sagten: „Doch“.
Der Film ist lustig und ich bin nicht unter den Stuhl gekrochen vor lauter Fremdscham. Kann man gucken.